Mit einem Umsatz von acht Milliarden Dollar gehören die börsennotierten Estée Lauder Companies zu den großen Namen der Kosmetikbranche. Wichtige Positionen im Unternehmen sind heute mit Familienmitgliedern der zweiten und dritten Generation besetzt. William P. Lauder, Executive Chairman und Enkel der legendären Unternehmensgründerin Estée Lauder, sprach mit FOCUS über die schwierige Balance zwischen der Bewahrung des Unternehmenserbes und den Anforderungen eines globalen Marktes, über die langfristige Sichtweise der Familie und die kurzfristigen Zwänge der Wall Street.
Focus: Die Estée Lauder Companies haben sich in 60 Jahren von einem kleinen Familienunternehmen zu einem internationalen Konzern mit acht Milliarden Dollar Umsatz entwickelt. Welchen Anteil hat die Tatsache, dass Sie eine familiengeführte Familienaktiengesellschaft sind, an der eindrucksvollen Erfolgsgeschichte Ihrer Firma?
William Lauder: Erstens: Unsere Mitarbeiter und deren kreative Ideen stellen seit jeher einen Wettbewerbsvorteil dar. Zweitens: Als inhabergeführte Familiengesellschaft können wir, was Investitionen anbetrifft, langfristiger denken, sprich: Wir beurteilen unsere Anlageperformance über Jahrzehnte hinweg und nicht über Quartale. Ich erinnere mich an die Äußerung einer Sell-Side-Analystin bei einer Investorenkonferenz 2007, die sinngemäß sagte: „Angesichts der Tatsache, dass der Chairman und der CEO der Familie angehören und ein großes Aktienpaket besitzen, ist davon auszugehen, dass deren langfristige Interessen und die der externen Aktionäre divergieren“, wobei sie „langfristige externe Aktionäre“ als Anteilseigner definierte, die seit drei Quartalen Aktien halten.
Diese Äußerung konnte ich so nicht stehen lassen. Ich wandte ein: „Ich möchte gegenüber allen hier Anwesenden klarstellen, dass wir unter ‚langfristig‘ einen Zeitraum von zehn Jahren verstehen. Wenn wir also über langfristige Perspektiven reden, dann nur auf dieser Basis. Drei Quartale sind für uns wie ein Tag. Wenn Sie so kurzfristig denken wollen, ist das natürlich Ihre Sache. Ich möchte nur, um Missverständnissen vorzubeugen, klarstellen, dass wir unter einem langfristigen Investitionsstandpunkt etwas anderes verstehen.“
Focus: Welche Vorteile hat diese Sichtweise für das Unternehmen?
Lauder: Unser langfristiges Denken ermöglicht es uns, von Fall zu Fall Marken länger mitzutragen, als dies in einer Publikumsgesellschaft der Fall wäre. Die langfristige Sehweise hat es uns ermöglicht, eine von unternehmerischem Denken und Zugehörigkeitsgefühl geprägte Kultur zu entwickeln. Wir ermutigen unsere Mitarbeiter aktiv dazu, unternehmerisch zu denken. Wir fördern Kreativität, Fantasie und Energie, aus denen einzigartige Ideen entstehen. Wir nehmen diese Ideen auf und investieren in ihre praktische Umsetzung. Soweit wie möglich versuchen wir Familienmitglieder den mehr als 30 000 Mitarbeitern das Gefühl zu vermitteln, dass sie Teil einer großen, weitverzweigten Familie sind. Die Tatsache, dass wir jeder neuen Generation diese Einstellung von Anfang an mitgeben, hat uns einen Wettbewerbsvorteil gegenüber vielen unserer direkten Konkurrenten verschafft.
Focus: Wie bewahren Sie diese Werte?
Lauder: Viele unserer Mitarbeiter auf den unterschiedlichsten Ebenen gehören dem Unternehmen schon sehr lange an. Ihre Loyalität ist darauf zurückzuführen, dass wir sie in ihrem Aufgabenbereich gefördert, ermutigt und immer wieder neu herausgefordert haben. Umgekehrt leben die Mitarbeiter diese Werte in ihren jeweiligen Unternehmen. Bei der Neubesetzung von Stellen kommt es vor allem darauf an, dass die Kandidaten zum Unternehmen passen. Mag ein Bewerber auch noch so qualifiziert sein, wenn er von seiner Persönlichkeit her nicht zur Unternehmenskultur passt, hat die Zusammenarbeit keine Zukunft.
Focus: Wie würden Sie den Typus beschreiben, der nicht zur Unternehmenskultur von Estée Lauder und zu dem von Ihnen bevorzugten Führungsstil passt?
Lauder: Ganz klar der Cowboy, der Revolverheld, der riskante Entscheidungen im Alleingang trifft oder diktatorische Züge aufweist. Das verträgt sich nicht mit unserer Unternehmenskultur. Wir denken und handeln demokratisch. Wir sind der festen Überzeugung, dass Teamwork, das bewusste Einbeziehen von Mitarbeitern in den Entscheidungsprozess und das Mittragen von Entscheidungen, der bessere Weg ist als ein auf Befehlen und Befehlsausführung basierender Führungsstil.
Focus: Welche Rolle spielt die Persönlichkeitsfrage bei Übernahmeentscheidungen?

Lauder: In den meisten Fällen kaufen wir Unternehmen direkt von den Gründern auf, wir sehen uns also das Persönlichkeitsprofil des Gründers an. Wie alle anderen Großunternehmen, die auf Einkaufstour gehen, entscheiden wir von Fall zu Fall individuell, ob der ursprüngliche Eigentümer auch nach der Übernahme präsent bleiben soll. Bei einigen unserer Zukäufe sind die Gründer nach wie vor aktiv in das Geschäft eingebunden.
Wenn sich Unternehmer plötzlich auf der Gehaltsliste wiederfinden, reagieren sie ganz unterschiedlich auf die neue Situation. Einige sind genauso motiviert wie bisher, andere muss man neu motivieren, und einige sagen: „Ich steige aus, ich mache etwas ganz anderes.“ Die emotionale Belastung, die Zügel im Unternehmen aus der Hand zu geben, ist nicht zu unterschätzen.
Unabhängig davon, ob der Gründer weiterhin mit an Bord ist oder die Führungsposition extern besetzt wird, immer kommt es darauf an, dass die Führungskraft sich organisch ins Unternehmen einfügt. Wenn Sie Ihre eigene dezidierte Meinung vertreten, gleichzeitig aber auch das Gefühl haben, sich bei uns wohlzufühlen, und zu uns passen, dann können Sie hier einiges bewegen.
Focus: Aktuell sind im Unternehmen fünf Führungspositionen mit Familienmitgliedern besetzt. Ist die Chancengleichheit für Nichtfamilienmitglieder nach wie vor uneingeschränkt gewahrt?
Lauder: Unser Unternehmen basiert auf meritokratischen Werten. Erfolg ist bei uns keine Frage von Herkunft oder Namen, sondern ausschließlich von Leistung. Die Tatsache, dass einige meiner Verwandten erfolgreich im Unternehmen tätig sind, zeigt, dass unsere Eltern mit der Erziehung, der akademischen Ausbildung sowie der beruflichen Aus- und Weiterbildung, die sie uns angedeihen ließen, etwas richtig gemacht haben. Allerdings arbeiten längst nicht alle Mitglieder meiner Familie für das Unternehmen. Auch dies ist das Ergebnis der Erziehung unserer Eltern: Sie haben uns die Freiheit gelassen und uns nicht gezwungen, ins Unternehmen einzusteigen.
Focus: Ist die Tatsache, dass Familienmitglieder im operativen Geschäft tätig sind, im Hinblick auf die Erhaltung und Bewahrung der Unternehmenskultur hilfreich, da sie ja sozusagen die Marke verkörpern?
Lauder: Die persönliche Komponente, die einige Familienmitglieder ins Unternehmen bringen, ist in der Tat wichtig. Das ist aber keine Frage der Marke: Einige unserer stärksten Einzelhandelspartner in den USA sind Unternehmen, bei denen noch ein Familienname auf dem Türschild steht – wie Dillard’s, Belk und Nordstrom. Die persönlichen Beziehungen, die uns mit diesen Familienunternehmen verbinden, wie im Übrigen auch mit Macy’s, sind ein Teil unseres Erfolgsrezepts.
Focus: Was war ausschlaggebend für den Börsengang?
Lauder: Jedem Unternehmen dieser Größe stehen verschiedene Wege offen, und jedes Unternehmen hat seine Gründe für die gewählte Eigentumsstruktur. Der Börsengang 1995 ermöglichte es den Familienmitgliedern, die nicht ausschließlich im Unternehmen tätig sind, ihre eigenen finanziellen Interessen zu monetisieren und zu diversifizieren. Umgekehrt haben diejenigen, die im Unternehmen bleiben wollen, jetzt eine solide Basis dafür, und auch unsere vielen Tausend Mitarbeiter partizipieren jetzt an unserem Erfolg.
Focus: Sie sind seit 1986 im Unternehmen, haben also den Übergang ganz direkt miterlebt. Was hat sich im operativen Geschäft durch den Übergang vom Familienunternehmen im Privatbesitz zur börsennotierten Familienaktiengesellschaft geändert?
Lauder: Seit wir eine Publikumsgesellschaft sind, haben sich die Managementpraktiken im Unternehmen geändert. Wir müssen Entscheidungen etwa zu Fragen der Dividenden treffen und diese auch kommunizieren. Zahlen wir Dividenden vierteljährlich oder jährlich? Wie hoch ist die Dividende? Wo wollen wir im Spektrum zwischen wachstumsorientiertem und gewinnorientiertem Unternehmen angesiedelt sein? Im Rahmen dieses Entscheidungsprozesses musste jeder von uns für sich entscheiden, in welchem Umfang er ein wirtschaftliches Interesse an der Firma hatte. Allerdings wird das Ganze dadurch verkompliziert, dass wir uns gegenüber den Sell-Side-Analysten und den externen Aktionären rechtfertigen müssen, die bei ihren Anlageentscheidungen ihrer eigenen Argumentationslogik folgen.
Focus: Was war der schwierigste Teil des Übergangs?
Lauder: Ich würde sagen, die ersten vier oder fünf Jahre, in denen wir die Sarbanes-Oxley-Vorgaben und alles, was damit verbunden ist, erfüllen mussten. Eigentlich sollte sich jedes Privatunternehmen dieser Disziplin unterwerfen, nicht unbedingt, weil es an die Börse will, sondern im Sinne von Good Corporate Governance.
Focus: In welchem Maße müssen Sie als börsennotierte Familienaktiengesellschaft die gleichen Anforderungen im Hinblick auf die Unternehmensaufsicht erfüllen wie reine Publikumsgesellschaften?
Lauder: Es gibt einige NYSE- und SEC-Sonderregelungen oder Ausnahmen für Gesellschaften mit beschränktem Aktionärskreis. Die wichtigsten Prinzipien gelten aber ohne Ausnahmen für alle Unternehmen gleich. Unserem Audit Committee beispielsweise haben wir genau dieselben Rechte zur Ausübung unternehmensaufsichtsrechtlicher Verantwortung übertragen wie jede andere Publikumsgesellschaft. Wir haben ein Nominating and Board Affairs Committee und ein Compensation Committee mit allen dazugehörigen Aufgaben und Kompetenzen. Diese drei sehr aktiven Ausschüsse haben weitreichenden Einfluss auf unsere Unternehmensaufsicht. In unserem Audit Committee sitzen ausschließlich externe Directors, die alle Anforderungen hinsichtlich Neutralität erfüllen. In den anderen beiden Ausschüssen sind die externen Directors in der Mehrzahl. Jedes von einer Familiengesellschaft kontrollierte Unternehmen, in dem die Aktien mehrheitlich in Familienbesitz sind, sollte sich freiwillig dieser Disziplin unterwerfen, um die Rechte der Minderheitsaktionäre zu schützen. Sofern es sich nicht um ein Einzelaktionärsunternehmen handelt, gibt es immer Minderheitsaktionäre, unabhängig davon, ob diese nun 49,9 Prozent oder 0,1 Prozent der Aktien halten. Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, darauf hinzuwirken, dass die Entscheidungsprozesse in unserem Unternehmen im besten Interesse aller Aktionäre getroffen werden. Deshalb gibt es von Zeit zu Zeit auch schwierige Gespräche mit einzelnen Mitgliedern meiner Familie, wenn ich ihnen sagen muss: „Ich kann verstehen, dass du lieber anders entscheiden möchtest, aber wir müssen die Interessen des Unternehmens über unsere eigenen Interessen stellen.“
Focus: Wie stehen Sie zu der Möglichkeit, dass Familienmitglieder im Aufsichtsgremium sitzen, und welche Kriterien wenden Sie als Familie in diesem Zusammenhang an?
Lauder: Aktuell sind vier Aufsichtsratsposten mit Familienmitgliedern besetzt, und diese Zahl ist sicherlich nicht in Stein gemeißelt.
„Jedes große Familienunternehmen muss nach den gleichen Prinzipien geführt werden wie eine Publikumsgesellschaft, auch wenn es keine ist.“
Focus: Könnte das in der nächsten Generation zum Problem werden, wenn die Zahl der Anwärter steigt und das Interesse sehr groß ist?
Lauder: Möglicherweise, aber davon sind wir noch weit entfernt. Jedes große Familienunternehmen muss im Grunde nach den gleichen Prinzipien geführt werden wie eine Publikumsgesellschaft. Ich rate allen in Privatbesitz befindlichen Unternehmen, darauf zu achten, dass im Board genügend externe Kontrolleure sitzen, die einflussreich genug sind, um ihre eigene Sichtweise und Erfahrung ins Unternehmen einzubringen. Jeder Aufsichtsrat sollte in der Lage sein, seinen eigenen persönlichen Beitrag zum Unternehmen zu leisten. Bevor ein Mandat vergeben wird, gilt es zu überlegen, von welchen Kompetenzen das Unternehmen profitieren könnte, und einen entsprechenden Kandidaten auszuwählen, und zwar unabhängig davon, ob es sich um ein Familienmitglied handelt oder nicht.
Focus: Worin liegen die besonderen Vorteile eines externen Mitglieds in einem Board, in dem mehrere Mandate mit Mitgliedern der Mehrheitsaktionärsfamilie besetzt sind?
Lauder: Zwischen Verwandten herrscht oft eine sehr spezielle Beziehung und ihre Argumentation folgt einer eigenen Logik. Familienfremde hingegen bringen eine ganz andere Sichtweise mit und sagen vielleicht: „Ihre Argumentation ist sehr interessant, aber betrachten Sie das Thema doch auch einmal aus einem anderen Blickwinkel.“ Die Diskussion sollte also nicht so laufen, dass Familienmitglieder sagen: „Du warst früher so gemein zu mir, deshalb werde ich jetzt deine Ideen ablehnen.“ Letztlich zählt nur, was für das Geschäft gut ist.
Es kommt darauf an, ob die Familie externes Feedback aktiv sucht und was sie daraus macht. Wenn Sie tatsächlich ein substantielles Feedback wollen, müssen Sie auch bereit sein, zuzuhören und dieses Feedback als Gesprächsgrundlage ernst zu nehmen. Bei bestimmten Themen können Sie Ihre Bedenken anbringen, und möglicherweise weiß das externe Board-Mitglied aufgrund seiner Kompetenz und Erfahrung dann die Antwort auf das Problem. Dann gibt es natürlich auch noch die Möglichkeit, dass jedes Board-Mitglied gleichberechtigt ist, egal ob es nun Aktionär ist oder zur Familie Lauder gehört.
Focus: Sie haben für sich eine der schwierigsten Fragen gelöst, mit denen Familienaktiengesellschaften konfrontiert sind – die Frage der externen Besetzung von Top-Management-Posten. 2009 hat Sie Fabrizio Freda, das zweite Nichtfamilienmitglied an der Spitze des Unternehmens, als President und CEO beerbt. Was können andere Familienunternehmen aus Ihrer Erfahrung lernen?
Lauder: Wenn ein Nichtfamilienmitglied das Ruder im Unternehmen übernimmt, ist das intern wie extern ein ganz klares Signal dafür, dass ausschließlich Leistung und Führungsstärke zählen, und nicht Herkunft. Die Botschaft, die dadurch vermittelt wird, lautet, dass jeder, der das Zeug dazu hat, die Chance erhält, bei uns im Unternehmen eine Führungsposition zu übernehmen.
Focus: Was war der Hintergrund für die Entscheidung, den Top-Posten extern zu besetzen?
Lauder: Ich hatte den Posten des CEO etwa fünf Jahre lang inne. In den USA haben sich das Amt und die damit verbundenen Aufgaben und Pflichten in den letzten Jahren stark gewandelt. Von mir stammt der Satz: „CEO einer Publikumsgesellschaft zu sein, ist heutzutage eine Strafe, CEO einer Familienaktiengesellschaft zu sein, ist sogar eine lebenslängliche Strafe.“ Einer fühlt sich wohl in der Rolle, der andere nicht. Fakt ist, dass man sich vorkommt wie der Hamster im Rad und die Aufgabe nur eine gewisse Zeit lang durchhalten kann, bevor man amtsmüde wird und die Bürde einen zermürbt.
Ich suchte jemanden, mit dem ich dieses Unternehmen gemeinsam durch die nächsten Jahre führen konnte. Ich wusste, welche Spieler wir auf dem Platz hatten und wollte mich draußen nach jemandem umschauen, der frei und ungebunden war, der unser Team bereichern und uns helfen würde, noch besser zu werden.
Focus: Welchen Hintergrund und welche Qualifikationen hat er?
Lauder: Fabrizio verbrachte fast seine gesamte berufliche Laufbahn bei Procter & Gamble im FMCG-Bereich. P&G ist bekannt für seine Gründlichkeit und Disziplin in Sachen Konsumentenwissen, während wir als deutlich unternehmerischer denkendes und wesentlich spontaner agierendes Unternehmen wahrgenommen wurden. In unserer Branche stehen wir mit einem Bein in der Welt der Mode und mit dem anderen in der FMCG-Welt. Im FMCG-Bereich nähert man sich ganz allmählich dem Ziel an, bis man das Gefühl hat, jetzt ist es richtig, und dann geht man in die Vollen. In der Modebranche hingegen heißt es immer nur: „Go, go, go.“ Und weil die Mode so kurzlebig ist, kann man mit dem, was gestern oder letztes Jahr erfolgreich war, auch nicht punkten. Was die Schnelligkeit betrifft, waren wir sehr gut, dafür kam aber leider die systematische Vorbereitung des Erfolgs zu kurz. Ich hatte schon immer das Gefühl, dass wir uns der Frage der Consumer Insight gründlicher annehmen müssten, dass wir unsere Kunden besser kennenlernen und besser verstehen sollten, was echte Erfolgsaussichten hat, anstatt blind auf Schwarz oder Rot zu setzen.
Focus: Sie nähern sich also dem Modell der FMCG mit seinen zeitaufwendigen Praktiken zur Erkundung der erklärten Verbraucherwünsche an und rücken davon ab, dem Verbraucher Bedürfnisse zu suggerieren, die er möglicherweise gar nicht hatte. Riskieren Sie mit dieser gewandelten Haltung nicht in gewisser Weise, das Erbe des Unternehmens zu gefährden?
Lauder: Es geht nicht darum, von der ursprünglichen Haltung abzurücken, sondern darum, die Abläufe berechenbarer zu machen. Fabrizio arbeitet deshalb so gut mit mir und dem Team zusammen, weil er die Dinge und Werte versteht, die unser Unternehmen zu dem gemacht haben, was wir heute sind, und großen Respekt davor hat. In den Bereichen, in denen wir vielleicht dazu neigen, uns zu verzetteln, fokussiert und diszipliniert er uns. Gleich nach seinem Einstieg hatten wir ein Projekt, von dem er ganz begeistert war. Ich übertrug ihm die Projektleitung, weil ich mir dachte, dass er das Unternehmen auf diese Weise besser kennenlernen würde. Ich sagte ihm, ich würde nur dann an den Sitzungen teilnehmen, wenn er dies ausdrücklich wünsche, und dass ich ihn privat coachen würde. Nach einer der Sitzungen kam er auf mich zu und sagte, dass er nicht viel von den Ideen halte, die in der Sitzung vorgetragen worden waren. Ich sagte: „Mir geht es genauso, aber der, der die Ideen vorgetragen hat, hat noch zwei Kollegen, die beide gut sind. Warum sprechen Sie sie nicht an, geben ihnen dasselbe Briefing und warten ab, welche Ideen sie haben.“ Zwei Wochen später zeigte er mir eine kurze Präsentation aus der Feder einer der beiden Personen, von der er sehr angetan war. Er sagte: „Bei P&G hätten wir dafür 18 Monate und 180 Seiten Papier gebraucht. Hier habe ich das Ganze in zwei Wochen bekommen.“ „Ja, so läuft das bei uns“, war meine Antwort. Daraufhin sagte Fabrizio: „Sie haben mir immer von der Kreativität und der Phantasie hier im Unternehmen vorgeschwärmt. Jetzt weiß ich, was Sie damit meinen und was für ein einzigartiger Wettbewerbsvorteil das für unser Unternehmen ist.“
Focus: Inwiefern waren auch Ihr Vater und Ihr Onkel an der Rekrutierung und Integration von Herrn Freda beteiligt?
Lauder: Fabrizio steht in engem persönlichen Kontakt zu beiden. Wenn es um allgemeine Fragen oder um Dinge geht, die ihm auffallen, sind mein Vater und ich die wichtigsten Ansprechpartner für ihn. Sie haben beide ihre ganz eigene Art, miteinander umzugehen, und jeder hat wiederum eine bestimmte Art, mit mir umzugehen. Es gibt immer mehrere Wege, um ans Ziel zu kommen, aber man muss die eigene Position auch vertreten können. Auch mein Onkel Ronald S. Lauder hat zu bestimmten Themen seine eigenen Ansichten, die er uns mitteilt. Uns alle eint der Wunsch, einen Konsens zu erzielen, hinter dem wir entweder stehen oder der darin besteht, dass noch weiterer Gesprächs- oder Informationsbedarf gegeben ist, bevor wir in dieser speziellen Frage eine Entscheidung treffen können.
Focus: Ist diese Selbstverpflichtung zum Konsens hilfreich, wenn es darum geht, die Kontinuität der Firma als Familienunternehmen zu sichern?
Lauder: Es gibt in der Tat Beispiele von Familienunternehmen, die daran zerbrochen sind, dass sich die unterschiedlichen Seiten der Familie nicht einigen konnten. Wir sind uns der Tatsache sehr bewusst, dass dies ein wunderbares Unternehmen ist, das uns allen eine große Chance in unserem Leben gibt, und keiner von uns will diesen Glücksfall aufs Spiel setzen.
Focus: Gibt es ein Geheimrezept dafür, wie sich Meinungsverschiedenheiten beilegen lassen?
Lauder: Nein, leider nicht, es ist einfach harte Arbeit. Es bedeutet, sich mit jedem Einzelnen zusammenzusetzen, allen zuzuhören und ihre Meinung ernst zu nehmen. Dazu gehört auch, dass es manchmal Meinungsverschiedenheiten gibt. Es kommt immer wieder vor, dass ein Familienmitglied Bedenken hat und sagt: „Ich will Dir sagen, warum ich von dieser Idee nicht viel halte.“ Wir nehmen diese Bedenken ernst und sprechen darüber.
„Das beste Rüstzeug, das ein Familienunternehmen künftigen Generationen mitgeben kann, sind Standards, an die sich alle Familienmitglieder gebunden fühlen.“
Focus: Wie schaffen Sie eine Balance zwischen Tradition und Innovation in Ihrem Unternehmen, zwischen der Tradition und Leidenschaft der Gründer und der Erneuerung, die durch die nachfolgenden Generationen ins Unternehmen kommen wird?
Lauder: Das beste Rüstzeug, das ein Familienunternehmen künftigen Generationen mitgeben kann, sind Standards, an die sich alle Familienmitglieder gebunden fühlen. Dabei obliegt es der Generation, die gerade am Ruder ist, diese Standards festzulegen, bevor der älteste Vertreter der nächsten Generation seine Ausbildung beendet hat und sich mit dem Gedanken trägt, in das Unternehmen einzutreten. Unabhängig davon, wie viele Cousins und Cousinen, Onkel und Tanten es gibt, haben wir es uns zum Prinzip gemacht, dass das älteste Familienmitglied der nächsten Generation sich zunächst außerhalb des Unternehmens erste berufliche Sporen verdienen muss, bevor es hier bei uns eintreten kann. In diesem Zusammenhang muss es natürlich auch klare Richtlinien geben, was hinsichtlich Dauer und Art der Beschäftigung als relevante Erfahrung angesehen werden kann.
Focus: Ist das Bestandteil der Verfassung der Familie?
Lauder: Es ist nicht schriftlich fixiert. Das Unternehmen wurde unter der Leitung der zweiten Generation aufgebaut, und mein Vater hat diese Standards für mich aufgestellt. Als ich an der Universität war, sagte er zu mir: „Wenn du hier im Unternehmen mitarbeiten willst, musst du erst einmal eine Zeitlang anderswo Erfahrung sammeln.“ Und genau das habe ich dann auch gemacht. Heute geht es darum, welche Standards die dritte Generation – also meine Cousins und ich – bei unseren Kindern zugrunde legen wollen, damit sie sich, wenn sie Interesse daran haben, ins Unternehmen einzusteigen, gleichberechtigt gegenüber externen Bewerbern fühlen.
Focus: 60 bis 90 Prozent aller Unternehmen weltweit sind Familienunternehmen. In der weitaus größten Anzahl dieser Unternehmen hat die erste Generation nach wie vor das Sagen. Die Estée Lauder Companies hingegen sind jetzt in der dritten Generation in der Familie, und die vierte Generation wächst bereits heran. Wird es künftig immer schwieriger werden, das Unternehmen zusammenzuhalten, wenn die Interessen einer ständig wachsenden Anzahl von Familienmitgliedern berücksichtigt werden müssen?
Lauder: Aus meiner Generation sind drei von vier im Unternehmen tätig. Mein Bruder hat sich für einen anderen Weg entschieden, wobei ich glaube, dass er nach wie vor eine gewisse Bindung an das Unternehmen hat. Vielleicht haben Sie recht und es wird tatsächlich schwieriger, das Unternehmen zusammenzuhalten, wenn die Familie so weitläufig ist, dass sich einige der Cousins und Cousinen kaum kennen und altersmäßig sehr heterogen sind. Das wird sich noch weisen.
Irgendwann in der Zukunft werden wir auch vor der Herausforderung stehen zu entscheiden, ob wir uns von einem Familienunternehmen mit aktiver Managementbeteiligung der Familie in eine Familienaktiengesellschaft ohne operative Einbindung ins Unternehmen wandeln wollen. Wie diese Entscheidung ausfallen wird, lässt sich heute noch nicht sagen. Aber sie kann durchaus auch bedeuten, dass die Weichenstellungen, die wir mehr als 20 Jahre zuvor getroffen haben, aufgehoben werden. Davon sind wir aber noch ein gutes Stück entfernt, und es wäre verfrüht, eine Entscheidung zu treffen, die nach praktischen und nicht nach theoretischen Gesichtspunkten erfolgen sollte. In der Zwischenzeit verkaufen wir weiterhin erfolgreich Lippenstifte, Parfums und Cremes an Frauen weltweit, die den Wunsch nach Schönheit haben. Das ist das Allerwichtigste.

Das Interview mit William P. Lauder in New York führten (von links):
Justus O’Brien und Kim Van Der Zon, Egon Zehnder International,
New York, und Ulrike Mertens, FOCUS. 
ZUR PERSON William P. Lauder
William P. Lauder, Enkel der Firmengründerin Estée Lauder und Sohn von Evelyn und Leonard A. Lauder, ist Executive Chairman und Chairman des Board of Directors der Estée Lauder Companies. Er trat 1986 als Regional Marketing Director of Clinique USA für das Gebiet New York Metro in das Unternehmen ein. Als Vice President/General Manager und später als President von Origins war er verantwortlich für die Einführung und Weiterentwicklung dieser Lifestyle-Marke in den USA.
Als Leiter von Clinique Laboratories machte er die Clinique Dramatically Different Moisturizing Lotion zum meistverkauften Premium-Hautpflegeprodukt in amerikanischen Warenhäusern. Er war entscheidend daran beteiligt, dass die Marke ihren Marktanteil in der Kategorie Haarpflege ausbauen konnte, indem er das Clinique Simple Hair Care System einführte.
Weitere Stationen seiner Laufbahn im Unternehmen waren das Amt des Group President, The Estée Lauder Companies, des President, Clinique Worldwide, und 2003 COO der Estée Lauder Companies. 2004 übernahm er von Fred H. Langhammer den Posten des CEO, den er bis Juli 2009 innehatte. Anschließend wurde er Executive Chairman des Unternehmens. In seinem Amt als CEO folgte ihm Fabrizio Freda nach, der wie Langhammer familienfremd ist.
Lauder gehört dem Board of Trustees der University of Pennsylvania und der Trinity School in New York City an.

THE ESTÉE LAUDER COMPANIES Eine Ikone der Schönheit
In einer für ihre extremen Marktausschläge und ihre Kurzlebigkeit bekannten Branche gehören die Estée Lauder Companies heute zu den führenden Herstellern und Anbietern hochwertiger Haut- und Haarpflege, Duftserien und dekorativer Kosmetik. Das 1946 von Estée Lauder und ihrem Ehemann Joseph gegründete Unternehmen vertreibt seine Produkte in über 150 Ländern und Regionen. Im Geschäftsjahr 2010 erwirtschafteten die rund 31 000 Mitarbeiter des Unternehmens bei einem Umsatz von 7,8 Milliarden Dollar einen Gewinn von 478 Millionen Dollar.
Zu den bedeutendsten Konzernmarken gehören: Estée Lauder, Aramis, Clinique, Origins, Tommy Hilfiger, M.A.C., Donna Karan, Aveda, Michael Kors und Sean John. Eine ganze Reihe von Nachkömmlingen der Firmengründerin gehört heute der Geschäftsleitung des Unternehmens an. Estée Lauders älterer Sohn, Leonard A. Lauder, ist Chairman Emeritus, ihr jüngerer Sohn, Ronald S. Lauder, ist Chairman of Clinique Laboratories, Leonard A. Lauders Frau Evelyn hat den Posten des Senior Corporate Vice President inne. Estée Lauders Enkel William P. Lauder ist Executive Chairman der Estée Lauder Companies. Zusammen mit zwei weiteren Enkelinnen gehört er dem Board of Directors an. Etwa 88 Prozent der stimmberechtigten Aktien befinden sich im Besitz der Lauders.
FOTOS: JÜRGEN FRANK