Der Pianist Lang Lang im Gespräch mit Paul E. Jacobs, Erfinder und Executive Chairman von Qualcomm, über die Balance von Disziplin und Freiheit, wichtige Vaterfiguren und künstliche Intelligenz.

Wie kommt das Neue in die Welt? Wie lässt sich höchste Qualität erzielen – in klassischer Musik wie in mobiler Kommunikation? Der Pianist Lang Lang und der Technologieunternehmer Dr. Paul E. Jacobs, jeder auf seinem Gebiet ein Superstar, trafen sich zu einem Gespräch über Prägungen, Motivation und Ziele – und die Verantwortung außergewöhnlich Begabter. Das Gespräch fand in Los Angeles statt, wo Lang Lang für einen mehrtägigen Konzertaufenthalt zu Gast war. Zwischen zwei Konzerten mit dem venezolanischen Dirigenten Gustavo Dudamel und dem Los Angeles Philharmonic Orchestra fand er Zeit für ein Gespräch, in dem der chinesische Künstler und der amerikanische Unternehmer zahlreiche Gemeinsamkeiten entdeckten.

Paul E. Jacobs: Großes kann entstehen, denke ich, wenn man sich daranmacht, über Fachgrenzen hinweg Ideen zu entwickeln und zusammenzuarbeiten. Derzeit unterstütze ich zum Beispiel ein Projekt zum Aufbau eines Instituts an der Universität von Kalifornien in Berkeley. Wir wollen Designstudios schaffen, in denen interdisziplinäre Teams aus Künstlern, Ingenieuren und Designern gemeinsam Projekte entwickeln können. Im Zusammentreffen von Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen liegt ein enormes Potenzial.

Lang Lang: Ja, es ist wichtig, sich außerhalb seines vertrauten Bereichs umzutun und von möglichst unterschiedlichen Menschen zu lernen. Ich suche immer Gelegenheiten, mit Musikern zu spielen, die einen anderen Erfahrungshintergrund haben als ich, die im Kammerorchester spielen, Sänger begleiten oder Jazz machen. Am besten lernt man von Kollegen aus anderen Gebieten. Man muss nur die richtigen finden.

Jacobs: Auch wer mit Hightech zu tun hat, kann von Künstlern eine Menge lernen. Als Apple vor einigen Jahren das iPhone herausbrachte, hatte ich schon eine ganze Zeit lang Smartphones gebaut. Aber mit der reinen Technik erreicht man immer nur ein begrenztes Publikum. Dann stellte Steve Jobs sein Gerät vor, das Ästhetik und Technik miteinander verband. Er zeigte uns: Wenn man beide Elemente miteinander verbindet, kann ein emotionales Erlebnis entstehen, wie es Technik allein niemals hervorrufen kann.Eine Frage, die mich schon eine Weile beschäftigt, ist, ob es wohl möglich ist, eine Maschine zu konstruieren, die über eine Kreativität verfügt, die mit der des Menschen vergleichbar ist. Kann ein Computer jemals etwas tun, das uns emotional ebenso berührt, wie es Ihnen mit Ihrer Musik gelingt?

Lang Lang: Es gibt ein elektronisches Klavier, das ganz gut allein spielen kann – aber eben nur, wenn es mit Aufnahmen großer Pianisten gefüttert wird. Mit fortschreitender Technik wird es vielleicht eines Tages lernen, die Musik irgendwie zu adaptieren und seine eigene Interpretation anzubieten – die vielleicht sogar besser ist als das Original. Ich halte das nicht für ausgeschlossen. Wenn dieser Tag kommt, hoffe ich nur, dass man auch mich noch im Konzert auftreten lässt.

Jacobs: Darüber müssen Sie sich wohl keine Sorgen machen. [Lacht]

Lang Lang: Aber Sie sprechen da eine interessante Frage an. In unseren Betätigungsfeldern, der darstellenden Kunst und der Technologie, scheint es einen starken Druck zu geben, ständig besser zu werden.

Jacobs: Das stimmt. Ich selber bin tatsächlich schon in einem fast absurden Maß kompetitiv. Als ich klein war, spielte ich mit meinen Brüdern gerne Basketball. Wenn einer auf den Korb werfen wollte, war das Ziel, ihn möglichst in das Garagentor hineinzudrücken. Selbst heute, wenn ich mit Kollegen meines Alters spiele, machen wir es immer noch so körperbetont. Das wird man wohl nie los. Wettbewerb ist ein starker Antrieb. Man muss es nur so einrichten, dass er nicht zu etwas Zerstörerischem wird. Er muss für konstruktive Ziele kanalisiert werden. Meistens gelingt mir das, aber ganz leicht ist es nie.

Lang Lang: Auch in der Kunst kann überzogener Ehrgeiz zum Problem werden. Wer als Pianist immer nur daran denkt, der Beste zu sein, der endet beim Gegenteil – als Schlechtester. Entscheidend beim Klavierspiel ist, sich auf die Musik zu konzentrieren und zu seinen tiefsten Empfindungen vorzudringen. Erst wer sich dafür öffnet und das Beste, was er von anderen gelernt hat, in sein Spiel einfließen lässt, der fängt an, einen eigenen Stil zu entwickeln.

Jacobs: Das ist auf meinem Gebiet nicht anders. Ich finde es immer sehr aufregend, wenn es mir gelingt, eine Idee, die anfangs nur in meinem Kopf ist, gemeinsam mit einem Team in die Wirklichkeit umzusetzen und zum Leben zu erwecken – insbesondere, wenn sie dazu beiträgt, das Leben von Menschen in aller Welt zu verbessern. Ich stelle mir vor, das wird so ähnlich sein, wenn große Künstler das Leben anderer Menschen mit dem Ausdruck ihrer Empfindungen berühren.

Lang Lang: Ja, Musik kann enorm kraftvoll sein. Jedenfalls ist es die Aufgabe des Interpreten, sie so zu spielen. Aber um das Spiel auf dem Klavier oder irgendeinem anderen Instrument zu meistern, muss man üben, viel üben, darum kommt man nicht herum.

Jacobs: Mir war es immer sehr wichtig, so viel zu lernen wie nur möglich. Als Junge habe ich jeden Sommer in der Firma meines Vaters gearbeitet. Ich habe alle möglichen Arbeiten übernommen, und er sorgte dafür, dass ich in jedem Sommer etwas anderes zu tun bekam. Während des Studiums in Berkeley war es genauso – ich wollte so viel wie möglich lernen und das, was man als Ingenieur wissen muss, von Grund auf verstehen. Als ich zu Qualcomm kam, arbeitete ich eine Zeit lang als Ingenieur und wechselte dann ins Management. Ich habe versucht, meine Lektionen zu lernen. Einer meiner Vorstandskollegen gab zu bedenken, dass manche der Fehler, die man unweigerlich macht, wirklich ins Geld gehen können. Aber ich habe immer versucht, aus ihnen zu lernen. Ich glaube, darauf kommt es an. Die Beherrschung der Grundlagen ist entscheidend – in der Technik wie im Geschäft und sicherlich auch in Ihrer Arbeit.

Lang Lang: Wenn es um mein eigenes Spiel geht, bin ich extrem kritisch. Ich frage mich immer, was ich verbessern kann. Aber wenn ich mit anderen zusammenarbeite, versuche ich, ihnen Raum zu geben, damit sie sich entwickeln und ihre eigenen Ideen ausdrücken können. Dann geht es weniger um meine Selbstkritik als darum, ein gemeinsames Erlebnis zu schaffen.

Jacobs: Ich suche bewusst Situationen, in denen ich gefordert bin. Die einzige Art, weiterzukommen, ist, es sich so unbequem zu machen wie nur möglich. Wenn es um andere Menschen geht, bin ich wie mein Vater: Ich gebe ihnen Aufgaben und sehe mir an, ob sie diese lösen und daran wachsen können. Das kann zuweilen schwierig sein. Wenn sie zu scheitern drohen und es aussieht, als würden sie untergehen, ist der erste Impuls natürlich, ihnen einen Rettungsring zuzuwerfen. Aber das darf man auf keinen Fall tun, denn damit hindert man sie daran, selber zu schwimmen.

Ein Flügel immer in Reichweite: Während eines Tourneestopps in Los Angeles lud Lang Lang, den Unternehmer Paul E. Jacobs und die Moderatorin Ulrike Krause zusammen mit Pavan Vohra (1962-2016), „Connecting Leaders“, zu einem Gespräch in sein Hotel.

„Wettbewerb ist ein starker Antrieb. Man muss es nur so einrichten, dass er nicht zu etwas Zerstörerischem wird.“
- Paul E. Jacobs

„Es heißt oft, dass Druck Spitzeninterpreten hervorbringt, aber das glaube ich nicht. Wenn mein Vater weniger streng gewesen wäre, hätte ich genauso gut gespielt.“
- Lang Lang

Lang Lang: Ich möchte noch mal anknüpfen an das, was Sie über das Lernen auf die harte Tour sagten: Auch ich lerne eine Menge aus Dingen, die sich nicht so entwickelten, wie ich gehofft oder geplant hatte. Ich versuche gern, Probleme zu vermeiden, aber manchmal geht das einfach nicht. Als ich sieben Jahre alt war, nahm ich an meinem ersten nationalen Wettbewerb teil. In meiner Heimatstadt war ich immer sehr gut gewesen, aber dies war das erste Mal, dass ich in einem landesweiten Klavierwettbewerb spielte. Und es wurde ein Desaster: Ich kam auf den siebten Platz. Als Trostpreis bekam ich einen Spielzeughund. Zuerst hasste ich diesen Hund. Aber dann freundete ich mich mit ihm an, denn jedes Mal, wenn ich ihn ansah, gab er mir Mut, besser zu spielen.

Jacobs: Ich habe da eine ähnliche Geschichte, wenn auch mit einer anderen Art von Wettbewerb. Wir verbrachten viel Zeit damit, ein bestimmtes Mobiltelefon zu entwerfen. Es war das kleinste Telefon, das man damals bauen konnte, und es sah sehr gut aus. Wir hatten mit einem Industriedesigner zusammengearbeitet und eine große Marketingkampagne entwickelt. Anfangs verkaufte sich das Telefon auch gut, aber dann kamen die Reklamationen: Der Kunststoff hatte einen Fehler, und das Gehäuse zerbrach. Es kostete uns Zigmillionen Dollar, das Problem zu beheben. Als wir es endlich geschafft hatten, gab es keinen Markt mehr für unser Handy. Eines der Bilder unserer Werbekampagne hängt bis heute in meinem Büro. Es erinnert mich daran, dass es nicht ausreicht, eine gute Idee zu haben. Wenn sie nicht gut ausgeführt ist, muss sie scheitern. Es erinnert mich auch daran, aus Fehlern zu lernen. So lange man voller Leidenschaft ist und wieder aufsteht, wenn man hingefallen ist, wird man es das nächste Mal besser machen. Das gehört einfach dazu.

Lang Lang: Das ist bei Musikern genauso. Als ich klein war, fand ich es immer schwierig, nach Niederlagen wieder aufzustehen. Es war immer mein Vater, der darauf bestand, dass ich weitermachte. Seine Liebe zu mir drückte sich in Strenge aus. Manchmal ging er dabei sicherlich zu weit und überforderte mich. Ich glaube nicht, dass das wirklich nötig war. Vielleicht war der Grund, dass er als junger Mann selber große Träume hatte, aus denen dann nichts wurde. Heute kommen wir zum Glück sehr viel besser miteinander aus. Es heißt oft, dass diese Art von Druck Spitzeninterpreten hervorbringt, aber das glaube ich nicht. Wenn mein Vater weniger streng gewesen wäre, hätte ich genauso gut gespielt. Ich erinnere mich – als ich in die USA kam, fragte mich mein Lehrer: Was willst du werden? Anstatt zu sagen: ein großer Klavierspieler, sagte ich, ich wolle jeden Wettbewerb im Land gewinnen. Eine ganz verquere Einstellung! Mein Lehrer ermutigte mich, daran zu arbeiten, ein großer Musiker zu werden und keine Gedanken daran zu verschwenden, Wettbewerbe zu gewinnen. Ein strenger Trainer kann einem helfen, schnell oder technisch perfekt zu spielen. Aber das hilft überhaupt nicht dabei, ein besserer Musiker zu werden. Wahres musikalisches Können lässt sich nicht erzwingen, es muss sich von selber, auf natürliche Weise einstellen.

Jacobs: Ich hatte großes Glück mit meinem Vater. Er hat mich immer ermutigt und gab mir die Freiheit, Risiken einzugehen. Sein Rat war, hart zu arbeiten, einen guten Job zu machen, keine unvernünftigen Risiken einzugehen, ein gutes Team aus den besten Leuten aufzubauen, den rechten Weg zu beschreiten und das Richtige zu tun, dann würde ich auch Erfolg haben. Er zwang mich zu nichts, sondern ging mit gutem Beispiel voran. Wenn ich in Schwierigkeiten bin, denke ich oft daran, was ich von ihm gelernt habe. Ein Beispiel: Als ich unser Mobiltelefongeschäft leitete, dachte ich, ich könnte mein Team zusammenschweißen, wenn ich eine „Wir gegen die anderen“-Stimmung verbreitete. Allerdings musste ich erkennen, dass eine solche Haltung die gesamte Organisation erfasst und am Ende zerstört. Ich änderte meinen Führungsstil grundlegend und versuchte, Vorbild zu sein. Ich formulierte eine Vision dessen, was wir erreichen wollten, und lud meine Mitarbeiter ein, an dieser Vision teilzuhaben. Es war ein Ansatz, der viel weniger von oben gelenkt war und auch weniger Konflikte erzeugte. Und er hatte Erfolg.

Lang Lang: Ihr Vater ist ein beeindruckender Unternehmer. Haben Sie sich jemals Sorgen gemacht, den hohen Erwartungen nicht gerecht werden zu können?

Jacobs: Merkwürdigerweise: nein. Ich weiß nicht, wieso, aber ich fühlte mich nie getrieben, dasselbe zu tun wie er. Vielleicht liegt es daran, dass wir zwar scheinbar recht ähnliche Dinge taten, ich dann aber doch eine ganz andere Richtung eingeschlagen habe. Er hatte sich auf Funktechnologien konzentriert, und ich war mehr an der Anwendung neuer Techniken wie GPS und Software interessiert. Ich glaube, das hat mir geholfen, mein eigenes Revier abzustecken. Wie war das bei Ihnen? Es muss doch ein Kulturschock für Sie gewesen sein, als Sie in die USA gezogen sind. Wie hat sich das auf Ihre Entwicklung als Musiker ausgewirkt?

Lang Lang: Als ich 1997 in die USA kam, war das ein wirklich großer Einschnitt in meinem Leben. Damals war China noch sehr konservativ, das kulturelle Leben war längst noch nicht so vielfältig wie heute. Als ich in die USA kam, schien alles so viel offener und freier als zu Hause. Am Tag meiner Ankunft hörte ich zum ersten Mal Hip-Hop-Musik. Die Leute waren entspannt und locker. Sie fragten mich, warum ich dauernd meine Musik übte. Sie sagten, ich solle mal loslassen und das Leben genießen. Diese Freiheit hat mich erst zu dem Interpreten gemacht, der ich heute bin. Man weiß nie, woher die Anstöße kommen, die eine Arbeit positiv beeinflussen – aber ohne Zweifel sind Zeit und Spielräume für Erkundungen und Experimente ungemein förderlich.

Jacobs: Die Freiheit, die Sie beschreiben, ist auch eine entscheidende Voraussetzung für Innovation. Wir versuchen, in unserem Unternehmen Vielfalt zu fördern, in den Geschlechtern, geografisch und ethnisch. Das ist von uns von größter Bedeutung. Außerdem haben wir Instrumente entwickelt, die Innovation und Kreativität fördern sollen. Wie Sie schon gesagt haben, kann man nie wissen, woher ein zündender Gedanke, eine neue Idee kommen wird – eines unserer interessantesten Projekte wurde von einem Mitarbeiter aus dem Finanzbereich entwickelt! Für alle ist es umgekehrt sehr motivierend, wenn sie sehen, dass eine gute Idee überall im Unternehmen entstehen kann.

Lang Lang: Ich glaube, die Idee der Inklusion ist sehr wichtig. Ich versuche immer, das Publikum für klassische Musik zu vergrößern, gerade bei jungen Leuten. Ich suche nach geeigneten Partnern, um deren Fans zu erreichen. Das war einer der Gründe, warum ich bei den diesjährigen Grammy Awards mit Metallica aufgetreten bin. Was tun Sie, um die Zielgruppe für Ihre Technologie zu erweitern?

„Kann ein Computer jemals etwas tun, das uns emotional ebenso berührt, wie es mit Musik gelingt?“
- Paul E. Jacobs

Jacobs: Das ist eine gute Frage. Ich sehe das Handy als eine Plattform, auf der andere Unternehmen mit ihren Geschäftsmodellen aufbauen. Das hat mir eine Reihe von Möglichkeiten eröffnet, Kontakte zu anderen Industrien herzustellen und Verbindungen und Partnerschaften einzugehen, mit denen wir neue Märkte erreichen. Das hat zu hochinteressanten Forschungsprojekten geführt. Wir arbeiten gerade mit jemandem zusammen, der einen Sensor entwickelt, kleiner als ein Sandkorn. Er wird in den Blutkreislauf eingeführt und soll fähig sein, einen Herzinfarkt vorherzusagen – zwei Wochen, bevor er eintritt. Das heißt, schon bevor irgendetwas schiefgeht, klingelt Ihr Telefon und sagt Ihnen: Gehen Sie zum Arzt!

Lang Lang: Ich kenne ein paar Musiker und Dirigenten, für die wäre das genau das Richtige – sie regen sich oft zu sehr auf, wenn sie Musik machen. [Lacht]

Jacobs: Es macht wirklich Spaß, auf diesem Gebiet zu arbeiten, weil man dabei auf faszinierende Erfindungen stößt, die wie Science-Fiction klingen – und auf Menschen, die sich das ausdenken. Zum Beispiel arbeiten wir gerade daran, digitale Gehirne zu bauen. Sie sind zu Dingen fähig, die schon sehr menschlich oder wenigstens biologisch wirken.

Lang Lang: Das ist schon toll. Es sieht so aus, als stünden wir immer wieder vor irgendeinem Durchbruch, der uns völlig neue Möglichkeiten eröffnet.

Jacobs: Ich finde interessant, dass – obwohl Sie und ich in ganz verschiedenen Feldern arbeiten – wir uns doch beide sehr stark um Bildungsfragen kümmern.

Lang Lang: Ja, Bildung und soziales Engagement liegen mir inzwischen sehr am Herzen. Ich habe 2008 die International Music Foundation gegründet, eine Organisation, die staatlichen Schulen in Amerika hilft, ihre Musikprogramme neu zu etablieren. Wir haben gerade ein wirklich gutes Programm an der Boston Arts Academy entwickelt: Wir haben den Schülern 40 Klaviere und Keyboards gegeben und Musiklehrer eingestellt, die sie unterrichten sollen. Die Kinder wollen keine Profis werden, aber sie interessieren sich für Musik – nur hatten sie niemals richtige Musikstunden. Das Programm läuft jetzt seit einem Jahr, und wir wollen uns nun anschauen, welche Fortschritte sie gemacht haben, wie sie sich entwickelt haben.

Jacobs: Gibt es irgendetwas, das Sie aus Ihrer eigenen Erziehung mitgenommen haben? Etwas, das Sie heute in Ihrer Art beeinflusst, wie Sie unterrichten?

Lang Lang: Ich hatte viele verschiedene Lehrer. Einige mochte ich, andere nicht. Aber die besten Lehrer haben mir geholfen zu verstehen, wie wichtig es ist, den Bereich vertrauter Sicherheiten zu verlassen. Wenn man Schüler nur dabei unterstützt, ihre Lieblingsstücke zu spielen, werden sie nie etwas anderes spielen können als eben diesen Stil. Als Lehrer muss man die Schüler eigentlich auffordern, das genaue Gegenteil dessen zu spielen, was sie mögen – und aus dieser Erfahrung zu lernen. Ich fand es als Kind immer sehr schwer, langsam zu spielen. Ich musste erst mühsam lernen, ruhig zu werden und auch die langsamen Passagen mit Herz und Seele anzunehmen. Ich bin froh, dass ich mich dieser Anstrengung unterzogen habe – sonst würde ich heute wahrscheinlich nichts anderes spielen als schnelle Stücke. Das würde mich verrückt machen.

Jacobs: Mich hat immer fasziniert, wie Musiker ihre Persönlichkeit ausbilden und in ihre Interpretation einfließen lassen. Wie fördern Sie diese Fähigkeit?

Lang Lang: Bei klassischer Musik kann das schwierig sein, weil es ein striktes Regelwerk zu beachten gibt. Aber einigen Menschen gelingt es, diese Regeln auf sehr persönliche Weise auszulegen. Andere halten sich daran, als wären sie in Stein gemeißelt. Wer das dauernd tut, wird wahrscheinlich nie zu seinem eigenen Stil finden. Wenn ich mir junge Klaviertalente ansehe, suche ich Spieler mit dem besonderen Klang. Ich versuche zu erkennen, ob sie eine Persönlichkeit haben, die sich zu etwas Einzigartigem, zu etwas Unvorhersehbarem entwickeln lässt. Ich achte auch darauf, wie sie sich außerhalb des Klavierspiels bewegen – wie sie sprechen, wie sie über Dinge denken, ob sie Musik analysieren und so weiter. Ich mag nicht, wenn jemand darauf besteht, dass es nur eine einzige richtige Art gebe, Mozart oder Bach zu spielen. Ich suche junge Leute, die neugierig und geistig offen sind für die Musik, aber sich auch für die Welt um sie herum interessieren.

Jacobs: Ja, Neugier ist der wichtigste Antrieb. Ich kann mir gar nicht vorstellen, nicht auf der Suche nach der nächsten großen Idee zu sein – und sie zum Leben zu bringen. Diese Energie suche ich auch in anderen.

Lang Lang: Junge Pianisten müssen aber auch in der Lage sein, sich mit anderen Musikern auszutauschen. Nur dadurch lernt man, mit seinem eigenen Instrument zu kommunizieren. Ich denke, gemeinsames Musizieren ist der schnellste und direkteste Weg des Lernens. Aber das wird in Ihrer Arbeit vermutlich nicht anders sein.

Jacobs: Keine Frage. Man kann im Elfenbeinturm vor sich hin theoretisieren, so viel man will, und glauben, man habe alles verstanden – aber höchstwahrscheinlich liegt man damit falsch. Die Realität ist oft viel subtiler als die Theorie, die man entwickelt hat. Aber eine kritische Masse von Menschen, die sich alle auf das gleiche Thema konzentrieren, kann eine Menge bewirken. Wenn Sie genügend Leute zusammenbringen, wächst die Wahrscheinlichkeit, dass sie etwas Herausragendes zustande bringen. Dann wirkt der Zauber. Ich denke daher, dass Nähe und Austausch gleichermaßen entscheidend sind. Eine weitere entscheidende Eigenschaft, die ich bei jungen Führungskräften suche, ist Leidenschaft. Wenn sie Leidenschaft für etwas entwickeln und ihrem Team vermitteln können, dann hilft das, die Organisation in die richtige Richtung zu steuern. Dabei sollten sie nie zu dominant auftreten. Gute Führung braucht eine leichte Hand. Die besten Führungskräfte delegieren Kompetenzen, damit ihre Mitarbeiter die notwendigen Spielräume haben. Wenn man in diesen Fragen allzu starr ist, fühlen sich die Leute nicht mehr für die Sache verantwortlich.

Lang Lang: Sie sagten, dass Sie immer auf der Suche nach der nächsten großen Idee sind. Woran arbeiten Sie gerade?

Jacobs: Seit ich nicht mehr CEO bin, möchte ich etwas Großes, irgendwie Verrücktes, fast Unmögliches machen. Wenn Leute davon reden, dass sie die nächste Mobilfunkgeneration entwickeln wollen, dann heißt das meistens, die Telefone schneller zu machen und ein paar neue Features hinzuzufügen. Für mich ist das zu linear. Ich will etwas Nichtlineares machen. Vielleicht das Internet neu erfinden, damit es besser im Sinne der Menschen arbeitet – es ihre Privatsphäre schützt und weniger anfällig für schädliche Software ist. Ich glaube, das ist machbar. Schon heute fließt der meiste Traffic über mobile Geräte, und die verändern sich sehr schnell – was bedeutet, dass die gesamte Industrie so etwas unterstützen könnte. Mal sehen, ob wir das schaffen. Das würde uns sehr viel Spaß machen. Und bei Ihnen? Was ist Ihr nächstes großes Projekt?

„Bildung und soziales Engagement liegen mir inzwischen sehr am Herzen. Konzerte kann ich immer geben, aber sie beeinflussen unsere Gesellschaft nicht.“
- Lang Lang

Lang Lang: Ein Großteil meiner Arbeit dreht sich um Bildung und die Arbeit mit jungen Leuten. In diesem Jahr spiele ich beim Konzert zum Tag der Vereinten Nationen nicht nur mit, sondern produziere das Ereignis erstmals auch selbst. Ich bin dabei, ein Weltjugendorchester aufzubauen mit Musikern unter 21 Jahren aus aller Welt. Ich glaube, eine solche Arbeit kann für die nächste Generation von Musikern verbindend wirken und ganz neue Impulse setzen. Konzerte kann ich immer geben. Tatsächlich trete ich ja jedes Jahr bei wichtigen Veranstaltungen auf. Aber Auftritte haben keinen Einfluss auf andere Musiker. Sie beeinflussen unsere Gesellschaft nicht. Sie bringen mir nur mehr Fans und mehr Anerkennung. Darum will ich etwas schaffen, das junge Leute wirklich berührt. Musik hat mein Leben verändert und meinen Blick auf die Welt geprägt. Sie kann Liebe fördern, Leidenschaft, Selbstvertrauen und offenen Dialog. Das ist eine Erfahrung, die ich mit anderen teilen möchte – vor allem mit Kindern.

Paul E. Jacobs,

Jahrgang 1962, ist Executive Chairman von Qualcomm, einem Forschungs- und Entwicklungsunternehmen für Mobilfunkkommunikation mit Sitz in San Diego, Kalifornien. 1985 von seinem Vater Irwin Jacobs gegründet, gehört Qualcomm zu den drei größten Chipherstellern weltweit. Nach seiner Promotion an der University of California, Berkeley, im Jahr 1989 und einem Forschungsaufenthalt in Toulouse trat Dr. Jacobs 1990 als Entwicklungsingenieur in das Unternehmen ein: als Angestellter Nr. 33. Fünf Jahre später wurde er Vice President und General Manager der Combined Handset and Integrated Circuit Division. Von Juli 2005 bis März 2014 hatte er die Position des CEO inne, bevor ihm mit Steve Mollenkopf der erste familienfremde CEO des Unternehmens nachfolgte. Paul Jacobs, der mehr als 50 Patente auf eigene Entwicklungen angemeldet hat, ist unter anderem Chairman of the U. S.-Korea Business Council und des Beirats der University of California, Berkeley, College of Engineering, Vice Chairman und Miteigentümer des NBA-Teams der Sacramento Kings und Mitglied des International Business Council des World Economic Forum.

Lang Lang,

1982 in Shenyang geboren, gehört zu den absoluten Superstars der klassischen Musik. Er war, wie er oft erzählt hat, zwei Jahre alt, als er im Fernsehen sah, wie Tom – aus der Reihe „Tom und Jerry“ – die Ungarische Rhapsodie Nr. 2 von Franz Liszt spielte, und beschloss, das Klavierspiel zu erlernen. Seine Eltern setzten alles daran, ihm den Unterricht zu ermöglichen. Im Alter von fünf Jahren gewann er einen lokalen Wettbewerb, ab dem neunten Lebensjahr besuchte er das Konservatorium von Peking, und mit elf gewann er den ersten Preis beim Internationalen Wettbewerb für junge Pianisten in Ettlingen. Seinen Durchbruch feierte er 1999, als er bei der „Galaxy of Stars“ des Ravinia Festival nahe Chicago für den erkrankten André Watts einsprang und Tschaikowskys 1. Klavierkonzert spielte. 2003 führte er sich mit einem auf CD und DVD dokumentierten Recital in der Carnegie Hall ein. Seine internationalen Erfolge sorgten in seinem Heimatland für Euphorie und führten dazu, dass viele Millionen junger Chinesen mit dem Klavierspiel begannen. Lang Lang wurde 2013 von Ban Ki-moon zum UN-Friedensbotschafter mit Schwerpunkt weltweite Bildung ernannt. Auch mit seiner 2008 ins Leben gerufenen Lang Lang International Music Foundation engagiert sich der Ausnahmekünstler in der Förderung des musikalischen Nachwuchses.



FOTOS: JÜRGEN FRANK