Greenpeace-Chef Kumi Naidoo und Hans Wijers, früherer CEO von AkzoNobel und Multi-Aufsichtsrat, über den langen Weg, den Umwelt- und Klimaschutz noch vor sich haben, neue Netzwerke zwischen Wirtschaft und NGOs sowie ein weltweit gerecht ausbalanciertes Verhältnis von ökologischen, sozialen und ökonomischen Ansprüchen.

Die Natur lässt nicht mit sich feilschen. Auf diesen kurzen Nenner bringt Greenpeace -Chef Kumi Naidoo die akute Notwendigkeit zum Handeln in Sachen Umwelt- und Klimaschutz. Mit Hans Wijers, dem früheren CEO von AkzoNobel und Mitglied zahlreicher Aufsichtsräte, war sich der Südafrikaner Naidoo grundsätzlich einig darin, dass die beispiellose Herausforderung, die Lebensgrundlage der gesamten Menschheit zu erhalten, einen gemeinsamen Kraftakt aller Beteiligten erfordert – eingeschlossen eine neue Stufe der Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und Umweltschutzorganisationen. Noch aber sind mehr Hindernisse zu überwinden als Erfolge zu verzeichnen. So diskutierten Naidoo und Wijers im Büro von Egon Zehnder in Amsterdam darüber, warum die Kurzfristorientierung der Wirtschaft so gefährlich ist, wenn es darum geht, langfristige Probleme wie den Klimawandel zu lösen, und warum Unternehmen und Umweltschützer nicht auf politische Lösungen warten können. Und dass viele kleine praktische Schritte am Ende mehr bringen könnten als das Warten auf den einen großen Durchbruch. Klimaschutz, so Wijers, müsse eine Massenbewegung werden.

Hans Wijers: Ist es nicht ein gutes Zeichen, dass wir hier zusammensitzen, um über die Chancen für mehr Kooperation zwischen Industrie und Umweltschutzorganisationen zu diskutieren? Ich glaube, vor 15 oder 20 Jahren wäre ein solches Gespräch nicht vorstellbar gewesen.

Kumi Naidoo: Das ist sicher richtig. Allerdings war die Dimension der Herausforderung, vor der die Menschheit angesichts des Klimawandels steht, damals auch noch nicht absehbar. Über eines sollten wir uns auf jeden Fall einig sein: Wir diskutieren hier nicht über die Rettung des Planeten Erde. Die Erde bedarf keiner Rettung. Selbst wenn die Menschheit den verhängnisvollen Weg weiter beschreitet, den sie eingeschlagen hat, wird die Erde fortbestehen – wenn auch reichlich in Mitleidenschaft gezogen. Aber ohne uns Menschen dürfte sie bessere Chancen haben, sich wieder zu erholen. Wenn wir also von Klimaschutz sprechen, reden wir darüber, ob unsere Kinder und Enkel auf diesem Planeten noch eine lebenswerte Zukunft haben. Das Ausmaß der Herausforderung durch den Klimawandel ist derart gewaltig, dass weder Wirtschaft noch Politik noch Zivilgesellschaft allein eine Lösung finden können. Was wir benötigen, ist eine konzertierte Kraftanstrengung, über alle Grenzen und Interessengegensätze hinweg. Dass wir hier gemeinsam darüber nachdenken, ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung.

Wijers: Da bin ich völlig Ihrer Meinung. Das Problem ist, dass die bisherigen politischen Institutionen auf internationaler Ebene nicht ausreichen, um Probleme dieser Größenordnung erfolgreich zu lösen. Fortschritte lassen sich, wenn überhaupt, nur sehr langsam erzielen. Es gibt nur zwei Möglichkeiten, mit dieser Situation umzugehen. Wir können uns beklagen und sagen: „Es ist aussichtslos, wir schaffen das nicht!“ Oder wir versuchen, Netzwerke zwischen den verschiedenen Akteuren und Interessengruppen aufzubauen und Lösungen zu finden, die allen Beteiligten zugutekommen. Wenn wir dasitzen und darauf warten, dass es auf der großen politischen Ebene weitergeht, verlieren wir zu viel Zeit. Meines Erachtens sind viele Unternehmen sich dessen bewusst und stellen Überlegungen in diese Richtung an, und ich glaube, bei den NGOs ist es ähnlich. Doch im Grunde stehen wir noch ganz am Anfang.

Naidoo: Wir sprechen über einen langen Weg, das sehe ich genauso wie Sie. Wenn man mich fragt, wie es derzeit um Greenpeace bestellt ist, lautet meine ehrliche Antwort: „Wir gewinnen einige wichtige Schlachten, aber wir sind drauf und dran, den Krieg zu verlieren.“ Natürlich ist das Klima nicht das einzige Thema in Bezug auf Nachhaltigkeit, das uns Sorgen bereitet, aber wenn wir das Klimaproblem nicht wirksam angehen, können wir uns alle anderen Debatten sparen. Sicher haben Sie Recht damit, dass die Wirtschaft in gewisser Hinsicht von der politischen Führung im Stich gelassen wurde – und das hat wiederum etwas mit den Mängeln im System globaler politischer Entscheidungen zu tun. Die andere Seite der Medaille will ich aber hier nicht verschweigen: Es gibt, vor allem in den Vereinigten Staaten, eine Gruppe von Unternehmen, die nach wie vor aggressiv Front dagegen macht, dass die Regierung beim Klimaschutz eine Führungsrolle einnimmt.

Wijers: Aus der Perspektive der Wirtschaft betrachtet, befinden sich die Unternehmen auf sehr unterschiedlichen Etappen jener langen Reise. Wenn ich sage, dass wir noch am Anfang stehen, dann meine ich das in Bezug auf die enormen Herausforderungen, die vor uns liegen.

Naidoo: Wenn ich mir die Haltung der Wirtschaft zu diesem Thema anschaue, dann sehe ich ein breites Spektrum: Rund zehn Prozent der Unternehmensführer und Topmanager haben tatsächlich erkannt, dass tiefgreifende Veränderungen nötig sind. Am anderen Ende der Skala finden sich die zehn bis 15 Prozent, die nach wie vor die Augen vor der Wahrheit verschließen und versuchen, Fortschritte zu blockieren. Die Mehrheit der Entscheider befindet sich zwischen diesen Polen: Sie haben zwar verstanden, dass auch ihr Unternehmen in Sachen Nachhaltigkeit gefordert ist, aber sie verweisen immer noch gern auf das Versagen der Politik, auf den Mangel an eindeutigen gesetzlichen Vorgaben – als Entschuldigung dafür, selbst nicht die erforderlichen Maßnahmen ergriffen zu haben. Wenn unsere Regierungen den politischen Willen aufbrächten, einen Preis für Kohlendioxidemissionen festzulegen und damit ein deutliches Signal an die Märkte zu senden, könnten die Unternehmen tatsächlich anfangen, verlässlich für die Zukunft zu planen. Im Moment bleibt den Führungsspitzen der Wirtschaft doch nichts anderes übrig, als zu mutmaßen, wie lange die Verhandlungen sich hinziehen und wie schnell der Übergang von fossilen Brennstoffen zu sauberer Energie vonstattengehen wird. Das Problem besteht nicht nur darin, dass der vor uns liegende Weg sehr lang ist, sondern darin, dass die Mehrheit der Führungskräfte in Politik und Wirtschaft noch immer unter einer schweren Form kognitiver Dissonanz leidet. Das Ergebnis sehen wir: Obwohl längst alle Fakten auf dem Tisch liegen, läuft uns die Zeit davon.

Wijers: Der Manager eines globalen Konzerns, der mit amerikanischen Unternehmen konkurriert, die mit Hilfe billiger Kohle produzieren, steht vor einem großen Dilemma. Natürlich könnte der CEO sagen: „Wir nutzen nur Wind- und Solarenergie; Kohle, Öl und Gas sind tabu!“ Allerdings würde er damit das Unternehmen vermutlich in den Ruin führen – und jeglicher Möglichkeit berauben, auch nur den kleinsten Fortschritt an der Klimafront zu erzielen. Zudem müssen bestimmte institutionelle Fragen geklärt werden, um die Voraussetzungen für weitreichende Änderungen zu schaffen. Natürlich stehen beispielsweise die Technologien der regenerativen Energieerzeugung heute in weit größerem Umfang zur Verfügung als noch vor wenigen Jahren, aber der Strom aus Wind und Sonne ist, trotz aller Fortschritte, immer noch deutlich teurer als der aus Kohle. Ein Unternehmensvorstand, der für das Wohl von Tausenden von Mitarbeitern verantwortlich ist, kann das nicht außer Acht lassen. Im Ergebnis haben diese Energien noch nicht den durchschlagenden Effekt auf die Klimabilanz, den wir uns wünschen. Der Gedanke führt uns wieder zurück zur Politik. Auch wenn es banal klingt – in unseren demokratischen Systemen bekommen wir letztlich die Regierungen, die wir verdienen. Und die Mehrheit der Wähler ist in ihrer Interessenlage nun einmal eher kurzfristig orientiert. Der Klimawandel stand einmal ganz oben auf der Tagesordnung – das war vor der Finanzkrise. Inzwischen machen sich die Menschen weitaus mehr Sorgen um Renten, die Gesundheitsfürsorge und den Erhalt ihres Arbeitsplatzes. Wenn wir nicht aufpassen, geraten wir in einen Teufelskreis und wundern uns, dass wir immer wieder vor den gleichen ungelösten Fragen stehen.

Dominique Laffy, Egon Zehnder London, und Bart Blommers, Egon Zehnder Amsterdam, trafen Kumi Naidoo und Hans Wijers in Amsterdam.

„Das Ausmaß des Klimawandels ist derart gewaltig, dass weder Wirtschaft noch Politik noch Zivilgesellschaft allein eine Lösung finden können.“
- Kumi Naidoo

„Ich glaube, vor 15 oder 20 Jahren wäre ein solches Gespräch nicht vorstellbar gewesen.“
- Hans Wijers

Naidoo: Das sehe ich ganz genauso. Aber warum ist es nur so schwierig, ein Gefühl für die Dringlichkeit zu erzeugen? Sicher hat es damit zu tun, dass es schwierig ist, Kausalitäten zu vermitteln. Man kann Phänomene wie die langfristigen Wetterveränderungen in Großbritannien, die Dürre in Kalifornien oder Hurrikan Sandy nicht so einfach mit 100-prozentiger Sicherheit auf den Klimawandel zurückführen – selbst wenn die Zusammenhänge unter Wissenschaftlern mittlerweile kaum noch bezweifelt werden. Die wissenschaftliche Klimadebatte ist derart komplex, dass der Normalbürger davon mehr oder weniger ausgeschlossen bleibt. Als ich kaum einen Monat nach meinem Antritt bei Greenpeace an meinen ersten Klimaverhandlungen in Kopenhagen teilnahm, habe ich schätzungsweise 80 Prozent der dort verwendeten Abkürzungen und Fachtermini nicht verstanden. Die meisten derer, die diesen Kampf führen, kommunizieren in einer Art und Weise, die der Mehrheit der Menschen außerhalb des Verhandlungssaales nicht zugänglich ist – und das, obwohl wir doch viel mehr Menschen ermuntern müssten, an dieser Diskussion teilzunehmen.

Wijers: Ob uns das nun gefällt oder nicht – letztlich benötigen Veränderungen die Unterstützung der Massen. Andernfalls sind wir chancenlos.

Naidoo: An diesem Gespräch hier nehme ich auch als Afrikaner teil, als Vertreter eines sich entwickelnden Teils der Welt. Für uns stellt sich beim Thema Klima ganz zentral auch die Frage der Gerechtigkeit: Die Menschen in den Entwicklungsländern tragen am wenigsten Verantwortung für die Klimakatastrophe, aber sie bezahlen den höchsten und brutalsten Preis. Für mich war das der Hauptgrund, warum ich der Umweltbewegung beigetreten bin. Es ist absolut unabdingbar, dass wir ökologische, soziale und wirtschaftliche Gerechtigkeit in Einklang bringen. Und es gibt noch einen weiteren wichtigen Faktor, das ist die Bildung. Die Art von Bildung, die wir jetzt benötigen, sollte auch die Erkenntnis vermitteln, dass sich bestimmte Dinge letztlich unserer Kontrolle entziehen. Lassen Sie es mich ganz deutlich sagen: Wir müssen einsehen, dass die Natur nicht mit sich feilschen lässt.

Wijers: Das ist sehr schön ausgedrückt.

Naidoo: Wir brauchen hier und heute einen grundlegend neuen Bildungsansatz. Ich selbst habe lange in der Erwachsenenbildung gearbeitet und eine meiner größten Sorgen in Bezug auf Bildung besteht darin, dass sie hauptsächlich versucht, Menschen zu erziehen, in einer „unangepassten“ Welt zu überleben und sich ihr anzupassen. Menschen, die sich nicht in die Gesellschaft einfügen, werden häufig als „unangepasst“ bezeichnet. Ich möchte hier Martin Luther King zitieren: „Ich will unangepasst sein. Ich will mich nicht anpassen an die Tyrannei des Rassismus, die Tyrannei der Ungleichheit.“ Wir müssen ein entscheidendes Element in die Bildung einbringen: kritisches, unangepasstes Denken. Das ist ein dringendes Anliegen – denn uns gehen, ganz unverblümt gesagt, die Ideen aus und wir haben für viele Probleme, die sich vor uns auftürmen, einfach keine Lösungen.

Wijers: Ich glaube, dass es ein großer Fehler ist, dass so viel über die Konsequenzen des Nichtstuns gepredigt wird und dass man darüber die Entwicklung praktikabler, sinnvoller kurz- und mittelfristiger Lösungen vernachlässigt. Selbstverständlich befürwortet heutzutage jeder Wind- und Solarenergie, aber diese Energiequellen sind immer noch vergleichsweise teuer. Auf lange Sicht, wenn der Economies-of-scale-Effekt greift, wird sich dieses Problem nicht mehr stellen, aber bis dahin werden wohl noch 20 oder 30 Jahre vergehen. So lange sollten wir pragmatisch vorgehen und mittelfristig sinnvolle Lösungen finden. Die mögen vielleicht nicht so „sexy“ oder so faszinierend sein wie radikale Ansätze oder ein groß angelegter Masterplan, doch sie werden etwas in Bewegung bringen, ohne gleich die Wirtschaftlichkeit oder gar die Existenz vieler Unternehmern zu gefährden. Arbeit und Einkommen liegen den Menschen nun einmal besonders am Herzen.

Naidoo: Ich habe überhaupt nichts gegen kleine, pragmatische Schritte. Doch Unternehmen, die jetzt nicht weitreichende, fundamentale Änderungen vornehmen, schaden damit nicht nur der Gesellschaft und der Umwelt, sondern sie bleiben auf einem Pfad, der in den ökonomischen Selbstmord führt. Nur wer jetzt in die Zukunft investiert und seine Prozesse von Grund auf umorganisiert, wird auf lange Sicht überleben. Hier beobachte ich noch viel Attentismus. Viele Unternehmen werden ihre Geschäftsstrategien erst anpassen, wenn es längst zu spät ist. Sie werden dafür einen hohen Preis zahlen.

Wijers: Als ich meine Aufgabe bei AkzoNobel übernahm und versuchte, das Thema Nachhaltigkeit zur Sprache zu bringen, rannte ich zunächst gegen eine Mauer. Große Skepsis schlug mir entgegen. Die verbreitete Einstellung war, dass hier ein neuer CEO seinen Stempel aufdrücken wollte, indem er ein paar eigene Themen setzt und hübsche Broschüren dazu drucken lässt. Wenn ich jedoch unsere Betriebe besuchte, erhielt ich einen ganz anderen Eindruck. Dort berichteten mir die Mitarbeiter voller Stolz von den vielen kleinen und großen Einzelmaßnahmen, die sie in Labors, Fabriken oder in der Logistik auf den Weg gebracht hatten – Initiativen, die schon etwas bewirkten, kleine pragmatische Schritte der Veränderung. „Was für eine seltsame Diskrepanz!“, dachte ich mir und beschloss, auf diesen Stolz und diese Leidenschaft zu bauen. Ich wollte diese Erfolgsgeschichten bis in die letzten Winkel des Unternehmens hinein kommunizieren. Meine Hoffnung war, dass diese positiven Beispiele wiederum an anderer Stelle Veränderungen anstoßen und Impulse in Sachen Nachhaltigkeit auslösen würden.

Naidoo: Es ging Ihnen also darum, die Kräfte, die Veränderung bewirken sollen, von der Basis her aufzubauen?

Wijers: Ganz genau. Ich trommelte eine kleine Gruppe zusammen und sagte: „Wir werden ein Buch herausgeben, in dem wir all diese positiven Beispiele sammeln. Jeder Mitarbeiter erhält ein Exemplar.“ Als wir das Buch in unseren Betrieben präsentierten, war die Wirkung geradezu greifbar. Die Mitarbeiter verstanden sofort, dass es hier nicht um eine Direktive des Managements ging, sondern um ganz praktische Dinge, die ihre Kollegen anderenorts bereits umgesetzt hatten. Das war ein unglaublicher Ansporn, es ihnen gleichzutun. Mit diesem Projekt ist es uns gelungen, Motivations- und Inspirationsquellen im gesamten Unternehmen zu erschließen. Das hat ausgezeichnet funktioniert.

Naidoo: Wie sind Sie mit jenen umgegangen, die am Sinn dieser Aktion zweifelten?

Wijers: Ich habe einige der größten Skeptiker aus Vertrieb und Marketing gebeten, mit ihren Kunden einmal über Nachhaltigkeit zu sprechen – sie direkt zu fragen, ob Nachhaltigkeitsthemen für sie wichtig sind oder nicht. Viele dieser Mitarbeiter kamen mit einer ganz neuen Perspektive aus diesen Gesprächen zurück; sie begannen, Nachhaltigkeit als Quelle für die Entwicklung neuer Geschäftsideen zu begreifen, also als Chance.

Naidoo: Was Sie erzählen, spiegelt sehr stark auch die derzeitige Entwicklung von Greenpeace wider. Wir befinden uns mitten in einer grundlegenden Umstrukturierung, die unter anderem bedeutet, dass wir unsere Arbeit dezentralisieren, vor allem in Richtung Asien, Afrika und Lateinamerika. Bisher wurden die meisten unserer Aktivitäten vom Hauptsitz in Amsterdam aus gesteuert. Das wird in Zukunft anders sein. Wenn wir ein paar Schlachten in Europa gewinnen, aber in Indien, China, Brasilien oder Indonesien verlieren, werden wir insgesamt scheitern. Sobald die Einkommen in diesen dicht bevölkerten Regionen steigen, werden die Menschen dort Autos und unseren westlichen konsumorientierten Lebensstil einfordern – was desaströse Folgen für unseren Planeten haben wird. Von diesem Jahr an werden wir daher jede globale Greenpeace-Kampagne gemeinsam mit unseren Aktivisten vor Ort entwickeln.

Wijers: Wir mussten unseren Mitarbeitern vermitteln, dass Nachhaltigkeit nichts Abstraktes ist, sondern dass sie durchaus etwas mit ihrer ganz konkreten Arbeit zu tun hat. Also forderte ich dazu auf, das Thema zunächst von der Kostenseite zu betrachten. Anstatt etwas, das im Produktionsprozess abfällt, wie bisher einfach wegzuwerfen, kann man es möglicherweise wiederverwenden und dadurch zusätzlichen Wert schaffen. Um das umzusetzen, mussten sich die Mitarbeiter nicht mal allzu weit aus ihrer Komfortzone herausbewegen. Aber sie waren natürlich stolz, wenn sie nach einiger Zeit eine Kostenersparnis präsentieren konnten. Wenn es uns gelingt, Menschen auf diese Weise stolz zu machen, wenn sie das Gefühl haben, dass jeder von ihnen einen Beitrag leisten kann, dann beginnen die Veränderungen ihren Lauf zu nehmen.

„NGOs und Unternehmen haben nun einmal unterschiedliche Rollen im Leben. In bestimmten Situationen kann eine Zusammenarbeit jedoch sehr sinnvoll sein.“
- Hans Wijers

Naidoo: Ein solcher „Bottom-up“-Ansatz entspricht ganz klar meinen demokratischen Instinkten. Allerdings müssen wir auch realistisch bleiben, vor allem mit Blick auf den Faktor Zeit. Für all jene, die in den vergangenen Jahren durch die Folgen des Klimawandels gestorben sind, ist es bereits zu spät. Wir sprechen inzwischen von rund 500.000 Todesfällen pro Jahr! Auch für manche Pazifikinseln und einige Regionen in Afrika kommen Diskussionen wie diese hier zu spät. Wenn uns die Zeit nicht weiter davonlaufen soll, brauchen wir ergänzend einen „Top-down“-Ansatz, ob es uns gefällt oder nicht. Ich möchte das an einem Beispiel erläutern. In den Unternehmen mehren sich die Stimmen, die dafür plädieren, mit weniger mehr zu machen. Im Hinblick auf Nachhaltigkeit ist das zwar ein Schritt in die richtige Richtung, aber er reicht absolut nicht aus. Seien wir doch mal brutal ehrlich: Was die Belastbarkeit des Planeten angeht, gibt es nur einen Weg – wir müssen weniger produzieren. Punkt, Ende. Doch anscheinend sperren wir uns dagegen, über unser völlig untragbares Konsumniveau auch nur nachzudenken, geschweige denn substanzielle Abstriche zu machen. Denken wir nur einmal an Chinas neue Elite: Diese Leute geben ihren neu erworbenen Reichtum bevorzugt für PS-starke, teure Autos aus – da steht dann aber nicht eine Luxuskarosse, da stehen fünf oder sechs nebeneinander geparkt. Wenn wir das als Normalität akzeptieren und derartige Konsumexzesse nicht als pathologisch betrachten, haben wir nicht den Hauch einer Chance. Finden Sie nicht, wir müssten uns einmal darüber unterhalten, wie viel Produktion und Konsum dieser Planet tatsächlich aushalten kann?

Wijers: Hier sind wir vermutlich unterschiedlicher Meinung. Sie haben das zwar nicht so ausgedrückt, aber mir klingt das zu sehr nach zentraler Planung und Steuerung. Niemand will doch ernsthaft eine Rückkehr zu einem Modell im sowjetischen Stil – in dem eine Handvoll Bürokraten entscheidet, was gut ist für das Volk und was nicht. Meiner Ansicht nach sollten wir versuchen, eine neue, auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Definition für Konsum zu finden. Entscheidend ist doch, wie es uns gelingt, den Menschen Gesundheitsfürsorge, Transport, Bildung, Urlaub und Freizeit anzubieten – nämlich so, dass dabei deutlich weniger Energie, Wasser und Rohstoffe verbraucht werden als bisher. Ich bin überzeugt, dass wir das schaffen können. Es gibt Milliarden von Menschen, die von einem komfortablen, sicheren und gesunden Leben träumen. Ich finde, sie haben auch ein Recht darauf. Unser Ziel sollte es nicht sein, ihnen die Erfüllung ihrer Wünsche zu verweigern, sondern ihnen dabei zu helfen, dass diese Wünsche in Erfüllung gehen – natürlich auf nachhaltige Weise.

Naidoo: Das funktioniert aber leider nur, wenn man Druck auf die Unternehmen ausübt – und zwar da, wo sie am empfindlichsten zu treffen sind: bei ihren Kunden. Greenpeace appelliert an die Verbraucher und setzt Druck seitens der Konsumenten ein, um die Unternehmen zum Wandel ihrer Geschäftspraktiken zu bewegen – eine Taktik, die im Kampagnen-Jargon als „Brand Attack“ bezeichnet wird und sich als sehr effektiv erwiesen hat. Natürlich denkt fast jeder, der den Namen Greenpeace hört, zunächst an solche Brand Attacks oder an die spektakulären, mitunter auch riskanten Aktionen. Dabei spielen sich 80 Prozent unserer Arbeit weit entfernt von der großen öffentlichen Bühne ab. Da werden Lösungen gesucht, da wird verhandelt – und zwar gemäß einer sehr einfachen Philosophie: „Keine dauerhaften Feinde, keine dauerhaften Verbündeten.“

Wijers: Diese Unabhängigkeit ist für Sie vermutlich lebenswichtig: Es wäre sicher sowohl naiv als auch gefährlich für Greenpeace, sich in dauerhafte „strukturelle“ Kooperationen zu begeben – auch mit der Wirtschaft. NGOs und Unternehmen haben nun einmal unterschiedliche Aufgaben und unterschiedliche Rollen im Leben. Wir sollten niemals vergessen, dass wir unterschiedlich ticken. NGOs neigen dazu, ihre Ziele ungeduldiger und vielleicht auch leidenschaftlicher zu verfolgen als Unternehmen, die weniger stark auf ein Ziel fokussiert sind. In bestimmten Situationen kann eine Zusammenarbeit jedoch sehr sinnvoll sein – nämlich immer dann, wenn ein hinreichendes Maß an Konsens über das Ziel eines gemeinsamen Vorgehens besteht.

Naidoo: Voraussetzung für einen Konsens über das Ziel ist ein gleiches oder zumindest ähnliches Maß an Problembewusstsein. Leider ist das eine Eigenschaft, die nach wie vor nicht allzu viele Führungspersönlichkeiten in der Wirtschaft auszeichnet. Wir hatten es kürzlich mit einem großen Einzelhandelsunternehmen zu tun, dessen Wertschöpfung zu großen Teilen auf Fischfang basiert. Ich habe das gesamte Management-Team in unsere Zentrale in Amsterdam eingeladen und dem CEO meine Bedenken dargelegt: Durch die Unterstützung nicht nachhaltiger Fischfangmethoden trägt sein Unternehmen nämlich auf lange Sicht aktiv zum Untergang seiner eigenen Branche bei. Der CEO, der ganz offensichtlich auch noch nie etwas von der Versauerung der Meere gehört hatte – eine Problematik, die wir ihm gerade erläutert hatten –, wandte sich an seinen Vice President für Nachhaltigkeit und fragte: „Ist das mit der Versauerung der Meere wirklich wahr?“ Die Antwort lautete: „Ich fürchte, ja.“ Dann war es ganz still im Raum.

„Wir müssen einsehen, dass die Natur nicht mit sich feilschen lässt.“
- Kumi Naidoo

„Kooperationen zwischen Industrie und NGOs können nur dann fruchtbar sein, wenn auf beiden Seiten Menschen über den Horizont ihrer Organisation hinausblicken.“
- Hans Wijers

Wijers: Kooperationen zwischen Industrie und NGOs können meines Erachtens nur dann erfolgreich und fruchtbar sein, wenn die auf beiden Seiten beteiligten Personen die gleichen Standpunkte und Werte teilen. Es müssen Menschen sein, die unternehmerisch denken und die in der Lage sind, über den Horizont ihrer eigenen Organisation hinauszublicken. Manchen Führungskräften, offenbar auch dem CEO, den Sie eben zitiert haben, fehlt dieses breitere Bewusstsein eindeutig. Auch ohne ein gewisses Maß an Offenheit, an kultureller Sensibilität geht es vermutlich nicht. Nicht zuletzt benötigt man für derartige Kooperationen Menschen, die sich darauf verstehen, eine Vertrauensbasis aufzubauen. Mein Partner auf der anderen Seite des Tisches muss darauf vertrauen können, dass ich ernsthaft verhandele und nicht nur versuche, Zeit zu gewinnen. Ich wiederum muss mich darauf verlassen können, dass beispielsweise die Vertraulichkeit während des gesamten Prozesses gewahrt bleibt.

Naidoo: Bei den NGOs ist das ganz ähnlich. Ich würde noch die Bereitschaft zum Risiko hinzufügen. Außerdem sollte, wenn es um eine Partnerschaft zwischen NGOs und Wirtschaft geht, Ehrlichkeit hinsichtlich des natürlichen Machtungleichgewichts herrschen. Wenn es da Illusionen gibt, wird es langfristig kaum gelingen, eine schwierige, komplexe Beziehung zu strukturieren, bei der von Anfang an klar ist, dass es Meinungsverschiedenheiten, Konflikte und Widerspruch geben wird. Allzu häufig funktionieren Kooperationen zwischen Unternehmen und NGOs nicht, weil die Partner dem Irrglauben verhaftet sind, sie seien in jeglicher Hinsicht gleich. Seien wir doch mal ehrlich: Was das Image oder die Unterstützung durch die Öffentlichkeit angeht, sind wir gegenüber einem großen Konzern vielleicht im Vorteil. Aber in puncto Mitarbeiterzahl, Forschungskapazität, Finanzkraft oder Know-how können wir doch mit einem weltweit operierenden Unternehmen nicht konkurrieren. Leider verspüren Menschen oft die eigentümliche Verpflichtung, zu behaupten, dass eine Beziehung perfekt funktioniert, dass man sich sofort ineinander verliebt. So etwas geht fast nie gut.

Wijers: Letztlich geht es um gegenseitigen Respekt, oder?

Naidoo: Ja, wenn es uns gelingt, Respekt aufzubauen, wird das ein großer Schritt nach vorn sein.

Kumi Naidoo,

leitet seit 2009 die weltweiten Aktivitäten der Umweltschutzorganisation Greenpeace. Er ist der erste Afrikaner (indischer Abstammung) an der Spitze von Greenpeace und der erste Greenpeace-Chef, der als „Außenseiter“, also nicht nach einer langjährigen „Greenpeace-Karriere“, an die Spitze der Organisation kommt. Naidoo, geboren 1965 im südafrikanischen Durban, engagierte sich seit früher Jugend in der Anti-Apartheid-Bewegung und wurde mehrmals inhaftiert, unter anderem wegen zivilen Ungehorsams. Um weiteren Verhaftungen zu entgehen, musste er 1987 ins Exil nach England gehen. Dort erhielt er ein Stipendium an der Oxford University, wo er in Politischer Soziologie promovierte. Nach dem Ende der Apartheid leitete Naidoo verschiedene globale Kampagnen gegen Armut und für den Schutz der Menschenrechte. Naidoos Amtsantritt bei Greenpeace fiel in eine Zeit der notwendigen Neuausrichtung für die Organisation. Die einst gerühmte Kampfkraft, so schien es, hatte nachgelassen. Naidoo will Greenpeace, anstatt in den alten „Kampf-Modus“ zurückzufallen, stärker dem Mainstream öffnen, die globale Relevanz der Organisation gegenüber Politik und Wirtschaft stärken und eine neue Dimension des Massenprotests erreichen. Einen deutlichen Kurswechsel markiert Naidoos Bereitschaft zu Kooperationen mit der Industrie. Ihm geht es darum, insbesondere die großen Konzerne als Partner im Kampf gegen den Klimawandel zu gewinnen. Die Zusammenarbeit mit der Industrie sieht Naidoo als Mittel zum Zweck, nicht als Traumpartnerschaft: „Wenn mir jemand sagen könnte, wie wir unser Ziel erreichen, ohne die Unternehmen an Bord zu holen, dann würden wir uns dafür entscheiden. In den Kooperationen mit der Wirtschaft muss es darum gehen, das eingefahrene Denken der dortigen Entscheider zu destabilisieren.“ Naidoo hat eine 22-jährige Tochter, die in England lebt.

Hans Wijers,

geb. 1951 im niederländischen Oostburg, zählt zu den politisch, wirtschaftlich und wissenschaftlich versierten Multitalenten seines Landes. Nach einem Studium der Wirtschaftswissenschaften und der Promotion über Industriepolitik arbeitete er von 1982 bis 1984 als Beamter im Ministerium für Arbeit und Soziales sowie im Wirtschaftsministerium. Nach einer Tätigkeit als Unternehmensberater wurde Wijers 1994 von dem Sozial-demokraten Wim Kok zum Wirtschaftsminister berufen. Er machte sich einen Namen als Modernisierer, der verkrustete Strukturen aufbricht. Nach einer Legislaturperiode entschied er sich für eine Rückkehr in die Consultingbranche. 2003 sattelte Wijers abermals um und übernahm die Position des CEO beim niederländischen Chemie- und Pharmakonzern AkzoNobel. Unter seiner Ägide entwickelte sich der Mischkonzern zum lupenreinen Chemieunternehmen und weltweit größten Farbenhersteller. Den Vorstandsvorsitz behielt Wijers bis zu seinem Abschied im April 2012. Neben seiner Tätigkeit als Vorstandsvorsitzender und Minister war Wijers stets in Aufsichtsräten sowie ehrenamtlich aktiv, unter anderem als Präsident des World Wildlife Fund (WWF) Holland, als Non-Executive Director von Royal Dutch Shell und Aufsichtsratschef von Ajax Amsterdam. Seit dem vergangenen Jahr leitet er den Aufsichtsrat von Heineken, dem drittgrößten Brauereikonzern der Welt. Beobachter beschreiben den in Politik und Wirtschaft bestens vernetzten Manager als „gewieften Taktiker“, der stets freundlich, humorvoll und jovial auftritt. Wijers, der sich für Fußball, Musik und Kunst begeistert, lebt in Amsterdam. Mit seiner Frau, der Gynäkologin Edith A. Sijmons, hat er zwei gemeinsame Kinder (19 und 21 Jahre alt).



PHOTOGRAPHY: FRITZ BECK