„Wir bewegen die Menschen, ihr Leben zu ändern.“

Vielerorts haben sich in den vergangenen Jahren Initiativen für den Anschluss benachteiligter und alter Menschen an die Informations­gesellschaft formiert. Vorreiter der Bewegung zur Überwindung der digitalen Spaltung der Gesellschaft in Industriestaaten, in Schwellen- und Entwicklungs­ländern ist der brasilianische Sozialunternehmer Rodrigo Baggio.

In den Favelas von Rio de Janeiro begann vor zwei Jahrzehnten Rodrigo Baggios Kampagne für den digitalen Anschluss der Unterprivilegierten.

Das Center for Digital Inclusion (CDI), 1995 von Rodrigo Baggio gegründet, zählt zu den bedeutendsten NGOs Lateinamerikas. CDI setzt alles daran, den Bewohnern der Armenviertel Anschluss ans Informationszeitalter zu verschaffen. Doch die Technologie ist für Baggio lediglich ein – unverzichtbares – Werkzeug, das die Menschen auf einer Expedition vom Ich zum Wir begleiten soll.

Von Bill Drayton weiß man, dass er ein Mann mit Blick für die großen Zusammenhänge ist. Der Gründer und Vorsitzende von Ashoka, der weltweit agierenden größten und einflussreichsten Pressure Group zur Förderung sozialen Unternehmertums, ist unablässig auf der Suche nach Schrittmachern des ökonomischen Paradigmenwechsels, nach Prototypen für jene Unternehmerspezies, die sich weltweit in der Nische moralisierter Märkte ausprobiert, professionalisiert und expandiert. Kurz gesagt: nach Menschen, die Social Business auf die ganz große Bühne bringen.

In dem Brasilianer Rodrigo Baggio hat Drayton einen solchen Modell-Entrepreneur gefunden. Mit Computerschulen in Großstadt-Favelas und abgelegenen Dörfern bekämpft Baggio seit fast 20 Jahren die „digitale Spaltung“ der lateinamerikanischen Gesellschaft. Was Drayton allerdings noch viel mehr fasziniert als die zweifellos beeindruckende Erfolgsbilanz Baggios, ist seine Fähigkeit, selbst in solchen Menschen einen unternehmerischen Geist zu entfachen, die bis dato nicht einmal ahnten, dass es für sie eine Perspektive jenseits ihrer armseligen Blechhüttensiedlungen geben könnte. Im Laufe der Jahre ist es Baggio gelungen, Hunderte, wenn nicht Tausende von Menschen aus den Favelas zu „Change Agents“ zu entwickeln, zu Menschen, die ihre eigenen Lebensentwürfe umschmieden, in ihren Siedlungen eine Führungsrolle übernehmen, durch ihr positives Beispiel andere aus der Lethargie reißen und so zu Katalysatoren des sozialen Wandels werden.

„Dieser Führungsansatz ist das neue Modell“, prognostiziert Drayton voller Enthusiasmus mit Blick auf Baggios Empowerment-Strategie zur Überwindung des Digital Divide – und auf Initiativen mit ähnlicher Stoßrichtung, die in den vergangenen Jahren entstanden sind: In Großbritannien kümmert sich die „Digital Inclusion Force“ um den Anschluss der rund 15 Millionen Briten, vor allem alter und sozial ausgegrenzter Menschen, die nach wie vor von der IT-Welt ausgeschlossen sind. In Schweden hat „Digidel 2013“ das Ziel ausgegeben, in den nächsten Jahren 1,5 Millionen Landsleute ans Internet heranzuführen. In ganz anderen Größenordnungen denkt man naturgemäß bei Microsoft. Youth Sparks, die weltweite Initiative des Software-Konzerns zur Förderung der Zukunftschancen Jugendlicher, will bis 2022 allein in Indien Millionen von jungen Menschen fit für den Arbeitsmarkt und, wo immer sich die Möglichkeit bietet, für die Gründung eines Unternehmens machen. Bill Drayton schaut zurück auf Rodrigo Baggio, den Pionier der Digital-Inclusion-Bewegung, und schlägt den ganz großen Bogen: „Angesichts des heutigen Tempos der Veränderung im Unternehmenssektor muss man sich geradezu fragen, ob Baggio mit seinem Ansatz nicht genau das vorlebt, worauf es heute in der Führung eines Unternehmens ankommt.“ Nicht nur in Brasilien, nicht nur in den Armensiedlungen dieser Welt, nicht nur im Sozialunternehmertum, sondern überall. Starke Worte!

Schon Kinder sollen sich in den CDI-Computerschulen mit dem digitalen Rüstzeug für die Informationsgesellschaft vertraut machen.
Schon Kinder sollen sich in den CDI-Computerschulen mit dem digitalen Rüstzeug für die Informationsgesellschaft vertraut machen.

Es ist ziemlich genau 20 Jahre her, da war Rodrigo Baggio weit entfernt von der Vorstellung, einmal solchermaßen geadelt zu werden. Im Gegenteil: Baggio, ein junger Mann aus gutem Hause, aufgewachsen in der wohlhabenden Südstadt der 6-Millionen-Metropole Rio de Janeiro, sah sich damals mit einer ernsthaften Lebenskrise konfrontiert. Gerade Anfang 20, war er schon ein erfolgreicher IT-Unternehmer, der unter anderem für IBM arbeitete. Er war ein Glückskind des gerade anbrechenden Computer-Zeitalters. Doch zufrieden war er nicht. „Wenn ich mir meine Zukunft vor Augen führte, sah ich mich immer wohlhabender werden, aber nicht glücklicher“, erinnert sich der heute 44-Jährige. „Etwas ganz Wichtiges fehlte. Ich hatte das Gefühl einer großen Leere.“

Baggio begann, ausgediente, aber noch intakte Rechner und Drucker zu sammeln, und gründete eine Computerschule. Dort sollten nicht die Söhne und Töchter der Mittelschicht von Rio lernen, sondern die Entbehrlichen aus Dona Marta, einer übel beleumdeten Favela. Brasiliens erste Computerschule für Arme war nicht Resultat nüchternen Kalküls, sondern eines Traums. „Ich hatte die Vision, dass die Technologie den Menschen in solchen Armensiedlungen helfen kann, ihre Situation besser zu begreifen – und dass sie mit Hilfe der Technologie einige ihrer dringlichsten Probleme lösen können.“ Rodrigo Baggio glaubte an die lebensverändernde Kraft der Informations- und Kommunikationstechnologie – auch wenn seine Freunde und Geschäftspartner von den besonderen Talenten und Fähigkeiten der Favela-Bewohner lieber gar nichts wissen wollten.

„Die Menschen kommen zum CDI, um ihr eigenes Leben zu verändern – und plötzlich verändern sie auch die Lebenswege von anderen.“
– Rodrigo Baggio

Baggios kleine Armee der Katalysatoren

Schon zwei Jahre nach der Gründung der ersten Computerschule betrieb Baggios Organisation, die sich jetzt „Center for Digital Inclusion“ (CDI) nannte, 15 Computerschulen im ganzen Land. Mehr als 5 000 Teilnehmer hatten das viermonatige Programm durchlaufen. Die meisten hatten noch nie zuvor an einem PC gesessen.

Im CDI verschmelzen Rodrigo Baggios Passionen: Informationstechnologie und soziales Engagement. Seit er von seinem Vater Anfang der 80er Jahre einen Computer geschenkt bekam – damals einer der ersten privaten PC in Brasilien –, fasziniert ihn die IT-Welt. Doch Baggio erinnerte sich stets auch daran, wie er sich schon als Zwölfjähriger in den Schulferien um Straßenkinder gekümmert und in einem Favela-Kindergarten mitgeholfen hatte. „Nun sah ich die Chance, beides zusammenzubringen“, erinnert er sich an die Anfangszeit von CDI. Baggio glaubte an das Potenzial der Menschen in den Armenvierteln – und vor allem daran, dass man es nicht nur für Drogengeschäfte, Diebstähle und Hehlereien nutzbar machen konnte. Doch ohne den Zugang zu Informationstechnologie, daran hatte er keinen Zweifel, würde es bestenfalls einer kleinen Minderheit der Unterprivilegierten gelingen, ihrem Leben einen Schub nach vorn zu verpassen – und damit würde sich auch an der trostlosen Lage in ihren armseligen Hüttensiedlungen nichts ändern.

Dank des beharrlichen Festhaltens an seiner Vision ist Rodrigo Baggio heute einer der weltweit angesehensten Social Entrepreneurs. CDI, das von ihm geführte Sozialunternehmen, 18 Jahre nach seiner Gründung ein bestens funktionierendes multinationales Netzwerk, zählt zu den bedeutendsten NGOs Lateinamerikas. In fast zwei Jahrzehnten hat Baggio ein dichtes Netz aus 780 autonom agierenden lokalen Computerschulen – er nennt sie Community Center – über die benachteiligten Gegenden Brasiliens und weiterer acht lateinamerikanischer Staaten gespannt.

79 Prozent aller Menschen auf dieser Erde haben keinen Zugang zum Internet oder zu anderen digitalen Kommunikationstechniken. Sie sind digital ausgeschlossen.

Die Signale stehen auf Expansion

In Lateinamerika ist sein Anliegen heute so aktuell wie ehedem. Auch im Jahr 2013 sind rund 80 Prozent der Bevölkerung „digitally excluded“ – also vom Zugang zum Internet und zu anderen digitalen Informationsquellen ausgeschlossen. „Digitale Apartheid“ nennt Baggio das. Vier Fünfteln der Menschen bleibt damit die Teilhabe an der sich immer schneller entfaltenden digital vernetzten Welt komplett verschlossen – was die ohnehin existierenden sozialen Gräben zwischen Arm und Reich, zwischen Zentrum und Rand der Gesellschaft noch weiter vertieft. Baggio setzt alles daran, die große Masse der „Digitally Excluded“ an die Welt der anderen heranzuführen, die jenseits ihrer Blechhüttensiedlungen beginnt.

Von Anfang an hatte Baggio erkannt, dass es um weit mehr ging als nur um den digitalen Anschluss der Unterprivilegierten. „Es reicht nicht, den Leuten nur ein paar PC hinzustellen“, sagt er. „Was soll das denn bringen? Auch dadurch, dass man Menschen ans Internet anschließt, ändert sich zunächst mal überhaupt nichts.“ Zwar ist CDI tief durchdrungen von der Überzeugung, dass „Technologie ein ungemein wirksamer Katalysator des sozialen Wandels“ sein kann – aber für sich genommen ist sie nicht mehr als ein Werkzeug, „ein Hilfsmittel, das die Menschen nutzen, um konkrete Probleme anzugehen“. Wenn sich das Leben in den Brutstätten von Armut und Kriminalität ändern soll, braucht Technologie eine soziale Dimension. Nicht umsonst spricht Baggio gern von „Digital Empowerment“. Es geht nicht ums Surfen, sondern ums Leben. Um den intelligenten Einsatz von IT auf einer Expedition vom Ich zum Wir, vom Einzelkämpfer zum sozialen Wesen, die im Idealfall zur Erkenntnis führt, dass das neu entdeckte Gemeinwesen mehr Halt, mehr Sicherheit und mehr Zukunft verspricht als die Gang, die Gewalt und die Flucht in die Drogen.

Vom Problem zum Aktionsplan

Genau diesen Ansatz verfolgt die CDI-Methodik. Das Curriculum der viermonatigen Kurse verbindet soziale und IT-Techniken. Zu Beginn des Lehrgangs verständigen sich die Schüler auf ein konkretes Problem in ihrem Wohngebiet – etwas, das sie besonders stört. Das kann ein mit Fäkalien verschmutzter Bach sein, ein Missstand in der örtlichen Schule, der Terror durch eine Gang oder sexueller Missbrauch an Kindern. Mit Hilfe des Computers und der erlernten IT-Fertigkeiten erfassen die Schüler die Dimension des Problems, sie beschaffen verlässliche Informationen, finden Ansprechpartner und tauschen Erfahrungen mit anderen aus, die sich in einer ähnlichen Situation befinden. Abschließend erarbeiten sie gemeinsam einen Aktionsplan, wie das Problem aus der Welt geschafft werden kann. „Wir packen die Menschen nicht vor den Computer, sondern bewegen sie, Dinge anzupacken und zu verändern“, umschreibt Rodrigo Baggio die „Magna Charta“ von CDI. „Unser Ziel ist der aktive, informierte Bürger, der sein Gemeinwesen selbst organisiert und in Ordnung hält.“

In vielen Fällen ist der Erfolg konkret messbar. So gelang es einem CDI-Kurs in einer Wohnsiedlung von São Paulo, eine jahrelang grassierende Rattenplage erfolgreich zu bekämpfen. Ein anderer Lehrgang in einem abgelegenen Dorf im Norden Brasiliens deckte mit einem Foto- und Social-Media-Projekt eine Kette von Missbrauchsfällen an Kindern auf – und sorgte mit einer mehr als einjährigen engagierten Kampagne dafür, dass die Missbrauchsopfer und ihre Familien jetzt vor Ort psychologische und medizinische Hilfe erhalten.

Eine Schlüsselrolle in diesem Prozess des technologischen und sozialen Lernens nehmen die lokalen „Change Agents“ ein – Menschen aus den Siedlungen, die anfangs beispielsweise durch besonderes Engagement in den Kursen auffallen. CDI„entdeckt“ sie und bildet sie zu Trainern aus, die dann weitere Lehrgänge übernehmen. Sie kümmern sich um Finanzierungen, organisieren Räumlichkeiten, werben Kursteilnehmer und verhandeln mit den lokalen Behörden. Ohne diese Lebenslauf-Entrepreneure würde ein Großteil des in den Kursen vermittelten sozialreformerischen Elans vermutlich verpuffen. Die Change Agents sind diejenigen, die Baggios Idee des sozialen und ökonomischen Empowerment vor Ort in die Praxis umsetzen und ihr Nachhaltigkeit verleihen.

In den vergangenen Jahren absolvierten jeweils mehr als 70 000 Menschen die CDI-Programme – und die meisten nahmen weit mehr mit nach Hause als die Fähigkeit zum Umgang mit PowerPoint, Excel und Internet. Laut einer externen Evaluation sagen 70 Prozent der Teilnehmer, CDI habe ihnen geholfen, ihr Leben zu verändern. Vier von fünf IT-Schülern erhielten durch den Kurs einen besseren Einblick in die sozialen Bedingungen in ihrem Wohngebiet, drei Viertel verbesserten ihre Lese- und Rechtschreibfähigkeiten, 47 Prozent fanden einen neuen Job, 34 Prozent verdienen mehr als zuvor. Immerhin 12 Prozent wagten den Schritt in die wirtschaftliche Selbstständigkeit – sie eröffneten einen Laden oder eine Werkstatt oder bieten jetzt eine Dienstleistung für die Bewohner ihrer Siedlung an.

Soziale Aktion statt Attentismus

Längst hat Rodrigo Baggio die Signale auf Expansion gestellt. CDI-Community-Center entstehen nicht mehr nur in den Armenvierteln, sondern beispielsweise auch in Gefängnissen und psychiatrischen Kliniken. Geplant ist ein Export eines modifizierten CDI-Modells in den Mittleren Osten und nach Nordafrika. Und ein Ableger von CDI, das Projekt Apps for Good, war im vergangenen Jahr bereits an 97 britischen Schulen fest installiert.

Die Steigerung der Effizienz steht derzeit im Mittelpunkt der CDI-Strategie. Die Community Center sollen sich schrittweise zu Mikro-Unternehmen entwickeln und kleine IT-Dienstleistungen wie Druckaufträge, Computer-Reparaturen, Grafikdesign oder Internetanschlüsse anbieten. So will Baggio die Abhängigkeit von Spenden verringern. Ein Drittel der Community Center finanziert sich bereits aus eigenen Einnahmen, ein weiteres Drittel ist „auf gutem Wege dorthin“. Fernziel ist der Aufbau einer weltweiten Online-Lernplattform. Sie soll den CDI-Programmen eine noch größere Reichweite verschaffen – bis in Gegenden, in denen der Aufbau eines Community Center nicht möglich ist. Nicht zuletzt wandeln sich mit den Kommunikationsgewohnheiten der IT-Nutzer auch die Kursinhalte. So bietet CDI mittlerweile neben den „klassischen“ PC-Lehrgängen auch Kurse für den Umgang mit Smartphone, Tablet und Social Media an. Die soziale Dimension des Programms bleibt unangetastet – natürlich.

Rodrigo Baggio ging es nie darum, ein Strohfeuer zu entfachen. Und Geld an die Armen zu verteilen, ist ihm erst recht zu wenig. Es verändert ja auch nichts, sondern schafft lediglich neue Abhängigkeiten. Baggio fördert nicht den Attentismus, sondern Engagement und soziale Aktion. Schließlich definiert er sich nicht als Wohltäter, sondern als Architekt eines nachhaltigen sozialen und ökonomischen Wandels. Mit CDI verfolgt er einen zutiefst unternehmerischen Ansatz, befeuert von einer sozialen Mission, die sehr viel mit Empowerment und sehr wenig mit Fürsorge zu tun hat. „Die Moral in den Spielregeln, die Effizienz in den Spielzügen“, definiert der Wirtschaftsethiker Karl Homann die Geschäftsgrundlage eines zukunftsfähigen Social Business. Ein Satz, der so auch in den Unternehmensgrundsätzen von CDIstehen könnte.

Rodrigo Baggio

Rodrigo Baggio, geboren 1969 in Rio de Janeiro, entwickelte schon in früher Jugend zwei Leidenschaften: für Computer und für soziales Engagement. Nach einem Studium der Informationstechnologie war er auf dem bestem Wege zu einer erfolgreichen Karriere als Unternehmer, er entschied sich dann aber 1995 zur Gründung der „Information Technology and Citizens Right School“ – Brasiliens erster Computerschule für Arme. Daraus entstand das „Center for Digital Inclusion“ (CDI), dem Baggio bis heute als Präsident vorsteht. Für seine erfolgreichen Bemühungen um die „digitale Inklusion“ der Unterprivilegierten wurde Baggio vielfach ausgezeichnet.

FOTOS: RJW/GETTY IMAGES / CDI / NADINE RUPP/GETTY IMAGES