Interview mit Star-Schieds­richter Pierluigi Collina

“Ein guter Schiedsrichter versteckt sich nicht.”

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Star-Schiedsrichter Pierluigi Collina über Selbstbewusstsein, Mut und eigene Fehler

In Sekundenbruchteilen unter dem Gejohle zigtausender Fans und den Argusaugen ehrgeiziger Spieler und Trainer Entscheidungen zu treffen, gehört zum einsamen Geschäft des Referees. Der Mann mit der Pfeife bestimmt über Freistöße, Elfmeter und Tore – und beeinflusst so zuweilen den Verlauf ganzer Turniere. Pierluigi Collina verrät in diesem Interview, wie sich ein Schiedsrichter bei Akteuren, Publikum und Experten Respekt verschafft und welche Rolle dabei Analyse, Intuition, Erfahrung und Gefühl spielen.

Focus: Herr Collina, wer Sie auf dem Spielfeld agieren sah, konnte meinen, der Schiedsrichter spiele darauf die Hauptrolle. Ist das tatsächlich der Fall?

Pierluigi Collina: Der Schiedsrichter hat dafür zu sorgen, dass die Spielregeln befolgt werden. Ein Spitzenspiel kommt nur zustande, wenn es kaum Fouls und Unterbrechungen gibt. Wie in der Geschäftswelt ist auch auf dem Fußballplatz die Einhaltung der Regeln das A und O. Die Rolle des Schiedsrichters ist also die eines Dienstleisters. Manchmal ist er aber auch mehr als das, weil er wichtige Entscheidungen trifft, die den Ausgang des Spiels beeinflussen können. So tritt er also doch immer wieder in den Vordergrund. Im Gegensatz zu vielen anderen bin ich nicht der Ansicht, dass es einen exzellenten Schiedsrichter auszeichnet, „unsichtbar“ zu sein. Ein guter Schiedsrichter versteckt sich nicht: Er trifft immer dann eine Entscheidung, wenn es nötig ist.

Focus: Wie trifft man Entscheidungen unter extremem Druck, von Millionen Zuschauern beobachtet?

Collina: Ein Schiedsrichter muss sehr selbstbewusst und perfekt vorbereitet sein. Bevor er auf das Spielfeld geht, muss er wissen, wie die Mannschaften und die Spieler normalerweise agieren. Wenigen Menschen ist bewusst, wie umfangreich unsere Vorbereitungen abseits des Spielfelds sind. Es geht nicht nur um körperliche Fitness oder um die Kenntnis der Regeln, sondern um wesentlich mehr. Ein Schiedsrichter muss wissen, wie die Regeln auszulegen sind. In bestimmten Situationen muss er die Regeln interpretieren. Daher ist es sehr wichtig für einen Schiedsrichter, konsequent zu pfeifen, also in vergleichbaren Situationen ähnliche Entscheidungen zu treffen. Zudem muss man ständig an sich arbeiten, vor allem wenn man besser sein will als die anderen.

Focus: Welche Art von Verbesserungen meinen Sie?

Collina: Das Tempo im Fußball hat sich dramatisch verändert. Vor 30 Jahren betrug die mittlere Laufgeschwindigkeit 10 km/h, heute sind es 30 km/h. In den 50ern, 60ern und frühen 70ern standen die Spieler 15 Meter vom Gegenspieler entfernt, heute sind es 50 cm. Es wird viel enger gedeckt und mit mehr Pressing und Aggressivität gespielt. Die Taktik hat sich völlig verändert. Daher muss ein Schiedsrichter das eigene Stellungsspiel perfektionieren. Um zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein zu können, muss er den Spielverlauf vorausahnen.

Focus: Was muss ein Schiedsrichter noch können, um eine gute Leistung zu bringen?

Collina: Während des Spiels sind vor allem Konzentration und Erfahrung gefragt. Manchmal weiß ich nach einem Spiel nicht mehr, wer ein Tor geschossen hat, weil ich mich so sehr auf einzelne Situationen konzentriert habe. Man verlässt sich auf seine Erfahrung. Wenn ein Spieler, dem man vertraut, zu Boden geht, geht man davon aus, dass er gefoult wurde. Auf der anderen Seite versucht man sich nicht davon beeinflussen zu lassen, wie sich ein Spieler in anderen Partien verhalten hat. Ich muss ja bewerten, was er in diesem Spiel tut. Mut hilft, mit dem Druck fertig zu werden. Ein Referee braucht Mut, um kontroverse Entscheidungen zu treffen.

Focus: Offenbar gehört auch Teamarbeit dazu. Wie eng ist die Zusammenarbeit mit den Assistenten?

Collina: Heute werden viele wichtige Entscheidungen von Schiedsrichterassistenten gefällt, nicht zuletzt bei Abseitssituationen oder bei Fouls, die außerhalb des Blickfelds des Schiedsrichters passieren. Manchmal entscheidet auch ein Assistent, ob ein Tor zählt – ob der Ball tatsächlich hinter der Linie war. Die endgültige Entscheidung liegt jedoch immer beim Schiedsrichter. Der europäische Fußballverband UEFA testet gerade ein System für die Kommunikation über Headsets. Dann können Assistenten und Schiedsrichter kontroverse Situationen sofort diskutieren. Das ist sicher hilfreich.

Focus: Im Management unterstützt Technik die Entscheidungsfindung. Warum bisher kaum im Fußball?

Collina: Die UEFA hat vor sechs Jahren die Schiedsrichter befragt, was sie von einem elektronischen Überwachungssystem für die Linien halten, vor allem für die Torlinie. Ein Schiedsrichter kann manchmal gar nicht erkennen, wo der Ball landet, weil das menschliche Auge nicht schnell genug ist. Niemand hätte etwas gegen die Einführung eines solchen Systems – wenn es zuverlässig arbeiten würde. Solange es das nicht tut, müssen die Schiedsrichter weiter ihr Bestes geben.

Focus: Also müssen wir damit leben, dass Schiedsrichter – wie andere Menschen auch – Fehler machen?

Collina: Es ist wie in der orientalischen Philosophie: Akzeptieren Sie, dass nichts perfekt ist. Fehler gehören zum Job, sind ein notwendiges Risiko. Wenn ein Spiel live übertragen wird, weiß zwei Minuten später jeder auf dem Platz, dass der Schiedsrichter einen Fehler gemacht hat. Die Fernsehleute erzählen es den Journalisten am Spielfeldrand, die geben es an die Manager und Ersatzspieler weiter, von denen erfahren es die Kollegen auf dem Feld. Der Schiedsrichter hört dann sehr schnell, ob der Elfmeter ein Elfmeter oder das Tor ein Tor war. Und die Spieler versuchen sofort, ihn zu beeinflussen.

Focus: Was kann ein Schiedsrichter tun, wenn er einen Fehler gemacht hat?

Collina: Das Beste ist, ihn einfach zu vergessen. Lässt ein Stürmer zu Beginn des Spiels eine große Torchance aus, hat er die Wahl: Er kann seiner Chance nachtrauern, aber dann wird das Spiel für ihn zum Albtraum. Oder er schaut nach vorn und kann dann immer noch eine gute Leistung abliefern. Und noch etwas: Normalerweise versucht man, einen Fehler wieder gutzumachen. Das darf ein Schiedsrichter keinesfalls, denn damit würde er einen zweiten Fehler machen. Nach dem Spiel muss er analysieren, wie es zu seinem Fehler kam. Dabei sind technische Hilfsmittel wie Videos sehr nützlich. Diese selbstkritische Analyse ist ein entscheidender Faktor für die Verbesserung der eigenen Leistung.

Focus: Ist die Autorität erlernbar, die ein Schiedsrichter braucht, um seine Entscheidungen zu vertreten?

Collina: Sie können ein exzellenter Klavierspieler sein, aber um zur absoluten Weltspitze zu gehören, müssen Sie eine besondere Veranlagung haben. Was man meiner Ansicht nach lernen kann, ist zu verstehen, wie andere Menschen denken. Wenn ich jemandem zeige, dass ich eine Situation auch aus seinem Blickwinkel zu sehen versuche, wird er meine Entscheidung eher verstehen und akzeptieren. Man sollte sich stets bemühen, sich in sein Gegenüber hineinzuversetzen.

Focus: Gibt es so etwas wie eine objektive Entscheidung im Fußball?

Collina: Ich denke schon, dass der Schiedsrichter objektive Entscheidungen fällt. Er trifft sie in Sekundenbruchteilen und kann gar nicht über die Folgen nachdenken. In der Geschäftswelt diskutieren Sie die Konsequenzen einer Entscheidung mit Ihren Mitarbeitern. Das ist Teil der Teamarbeit, dort werden alle Entscheidungen analysiert. Ein Schiedsrichter hat dafür nur sehr selten Zeit.

Focus: Welchen Einfluss haben Gefühle auf die Entscheidungen eines Schiedsrichters?

Collina: Ein Unterschied zwischen einem guten und einem sehr guten Spieler ist die Art, wie er mit seinen Gefühlen umgeht. Es gibt Spieler, die in schlechten Spielen herausragend sind, in Spitzenspielen aber kaum in Erscheinung treten. Das Gleiche gilt für Schiedsrichter.

„Jedes Spiel ist schwierig. Denkt ein Referee, ein Spiel sei einfach, mangelt es ihm an Konzentration.
Darunter leidet seine Leistung.“

Focus: Welches Spiel war Ihr schwierigstes?

Collina: Die Antwort ist ganz einfach: Jedes Spiel ist schwierig. Denkt ein Schiedsrichter, ein Spiel sei einfach, mangelt es ihm sofort an Konzentration. Darunter leidet unweigerlich seine Leistung.

Focus: Finden Sie nach dem Ende Ihrer Schiedsrichterkarriere mehr Zeit für Ihren eigentlichen Beruf?

Collina: Als Profi-Referee konnte ich nicht nebenher Finanzberater sein. Jetzt nehme ich mir Zeit für meine Familie und denke in Ruhe über meine Optionen nach. Ich habe meine Karriere erst im vergangenen Sommer beendet, und die Entscheidung über meine Zukunft muss ich ausnahmsweise nicht in einer Zehntelsekunde treffen.

Mit Pierluigi Collina sprachen Claudio Ceper und Nicola Gavazzi (r.), Egon Zehnder, Mailand.
Mit Pierluigi Collina sprachen Claudio Ceper und Nicola Gavazzi (r.), Egon Zehnder, Mailand.

ZUR PERSON PIERLUIGI COLLINA

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Pierluigi Collina, 1960 in Bologna geboren, wurde von einem Mitschüler überredet, an einem Schiedsrichterkurs teilzunehmen. Anders als sein Kamerad bestand Collina die Aufnahmeprüfung und arbeitete sich zielstrebig nach oben. Von 1991 an pfiff er in der höchsten italienischen Liga Serie A, drei Jahre später leitete er bereits internationale Partien. Höhepunkte seiner Karriere sind diverse Finalmatches, darunter Nigeria-Argentinien (Olympische Spiele von Atlanta 1996), Bayern München-Manchester United (Champions League 1999), Deutschland-Brasilien (Weltmeisterschaft in Japan 2002) und Valencia CF-Olympique Marseille (UEFA Cup 2004). Auch bei den Europameisterschaften von 2000 und 2004 war Collina aktiv. Sechs Mal in Folge wurde er zum Weltfußballschiedsrichter des Jahres gewählt. Im August 2005 beendete er seine Karriere. Anlass war ein Streit mit dem italienischen Fußballverband über einen Sponsorenvertrag. Collina studierte an der Universität von Bologna Betriebswirtschaft und ist ausgebildeter Finanzberater. Vom italienischen Präsidenten Ciampi wurde er mit dem Titel „Commendatore“ ausgezeichnet. Außerdem verlieh ihm die britische University of Hull die Ehrendoktorwürde.

FOTOS: GIANNI OCCHIPINTI