Interview mit dem Schriftsteller Louis Begley

“Die Welt braucht keine Wirtschafts­führer, denen die Folgen ihrer Entscheidung­en gleichgültig sind.”

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Zur Verwirklichung eines gelungenen Lebens beizutragen – nichts weniger ist für Louis Begley das Ziel von Bildung. Der namhafte amerikanische Schriftsteller und Jurist spricht über seine eigenen Erfahrungen und auch die Erwartungen, die er an Führungskräfte in Politik und Wirtschaft richtet.

Focus: Herr Begley, ist Bildung heute ein Statussymbol?

Louis Begley: Ich fürchte, ja. Bildung ist heute ein sehr viel wichtigeres Statussymbol als vor hundert Jahren. Ohne gute Ausbildung und den richtigen Universitätsabschluss hat man in der westlichen Welt praktisch keine Chance auf eine gute, zukunftsträchtige Position.

Focus: Was ist mit all denen, die es aus eigener Kraft in der Dot-com-Welt geschafft haben?

Begley: Wenn Sie genau hinschauen, handelt es sich fast immer um Leute, die ein Graduiertenstudium zumindest angefangen haben. Man braucht sehr viel intellektuelle Kompetenz, wenn man in der Welt der neuen Technologien seinen Weg machen will.

Focus: Wie wichtig ist Bildung für die Entwicklung der Persönlichkeit? Über die Frage, ob wir stärker durch die Gene oder die Erziehung geprägt werden, wird heute heftig gestritten. Woran glauben Sie?

Begley: Das ist eine ausgezeichnete Frage, die sich nicht eindeutig beantworten lässt, denn so wichtig die Anlagen sind, mit denen man geboren wird, so wichtig ist das, was im Leben mit einem geschieht. Am besten ist wohl, wenn man gute Gene mitbringt und dann von guter Erziehung profitieren kann.

Focus: In vielen europäischen Ländern müssen sich Studierende schon sehr früh für eine berufliche Richtung entscheiden, während sich Studierende in den Vereinigten Staaten und in Großbritannien zunächst von ihren Interessen leiten lassen können und dann entweder ihr Fachgebiet an der Universität wechseln oder auch nach dem Studium einen ganz anderen Berufsweg einschlagen. Für welchen Ansatz plädieren Sie?

Begley: Wenn ein Studium Wegbereiter für den Geist sein und junge Menschen auf ein gelungenes Leben vorbereiten soll, dann ist das angelsächsische System sicherlich das bessere. Ich jedenfalls war in einem System, das es mir erlaubte, in den ersten vier Jahren an der Universität zu tun, was ich am liebsten tat – gute Bücher lesen – und die berufliche Ausbildung aufzuschieben, sehr glücklich. Als ich mit 16 Jahren ins Harvard College kam, war ich für ein Jurastudium noch nicht bereit. Wahrscheinlich hätte ich es abgelehnt.

Focus: Universitäten in Großbritannien und den Vereinigten Staaten bieten eine große Vielfalt von Aktivitäten an. Auf dem europäischen Festland dagegen konzentriert man sich auf den rein akademischen Bereich.

Begley: Ja, und auf schlechte Bibliotheken und schlechte Labore, überfüllte Seminare und Professoren, die nach den Vorlesungen sofort verschwinden. Es ist ein erbärmliches Leben.

Focus: Lassen Sie uns zu der Zeit zurückkehren, die Sie in Ihrem Buch „Lügen in Zeiten des Krieges“ beschreiben. War der unsystematische Unterricht außerhalb des etablierten staatlichen Schulsystems, den Sie zunächst erlebt haben, eine gute Vorbereitung aufs Leben?

Begley: Eine besonders gute Vorbereitung für die Universität war das nicht. Wie auch? Ich wurde von meiner Mutter unterrichtet, die Literatur liebte, aber sich nicht mit Rechnen oder Erdkunde abgab, und einem Lehrer, der sich für kaum etwas anderes als für polnische Geschichte interessierte. Die Naturwissenschaften hat mir niemand nahegebracht. Und als Vorbereitung auf das Leben im weiteren Sinne? Vielleicht habe ich gelernt, Informationen rasch aufzunehmen. Ich wünschte, ich hätte stattdessen gelernt, gründlich und systematisch zu sein.

Focus: Hatten Sie vor der juristischen Laufbahn noch vor, weiter Englische Literatur zu studieren?

Begley: Nein. Die Literatur war meine große Liebe, und im College kam für mich gar nichts anderes in Frage. An Jura oder ein anderes berufsorientiertes Studium habe ich gar nicht gedacht. Mir reichte es, meinen Eltern klar zu machen, dass ich unter keinen Umständen Medizin studieren wollte. Wie sich herausgestellt hat, war es eine gute Entscheidung, Englische Literatur zu studieren. Es gab damals am Harvard College außergewöhnlich gute Professoren. Für das Jurastudium habe ich mich später entschieden, weil ich wusste, dass ich meinen Lebensunterhalt verdienen musste, und weil mir nichts eingefallen ist, was ich lieber getan hätte.

Focus: Hat sich die Beschäftigung mit englischer Literatur vor dem Jurastudium positiv auf Ihre weitere Arbeit ausgewirkt? Und wenn, in welcher Hinsicht?

Begley: Zweifellos. Ich habe gelernt, genau zu lesen und die Bedeutung schwieriger Texte zu erfassen. Für einen Rechtsanwalt ist das unverzichtbar. Und ich habe gelernt, klar und überzeugend zu schreiben. Die Erkenntnisse über das Wesen des Menschen, über das ich nachdachte, kann nur große Literatur vermitteln.

„Zu einem hervorragenden Wirtschaftsstudium gehören auch Seminare in den Geisteswissenschaften.“

Focus: Hatten Sie je den Eindruck, Ihre Liebe zur Literatur oder Ihre schriftstellerischen Ambitionen hätten durch die juristische Tätigkeit gelitten?

Begley: Meine Liebe zur Literatur ist dadurch sicherlich nicht geschmälert worden, aber die Arbeit hat gelegentlich meine Lektüre beeinträchtigt. Es gab Zeiten, da war ich zu beschäftigt, um länger als eine Stunde am Tag aus reiner Freude lesen zu können. Als ich mit dem Jurastudium begann, hatte ich keinerlei schriftstellerische Ambitionen – abgesehen von dem Ehrgeiz, die besten Schriftsätze und juristischen Urkunden zu verfassen. Von schriftstellerischen Ambitionen habe ich mich schon im College verabschiedet, weil mir das, was ich schrieb, nicht gefiel. Ich fand, ich hätte nichts zu sagen. Mir schien das Grund genug, damit aufzuhören, und deshalb habe ich es sein lassen.

Focus: Wollten Sie erst etwas erleben, über das Sie dann schreiben konnten?

Begley: Ich hatte ja schon eine ganze Menge erlebt, den Zweiten Weltkrieg in Polen, wo ich bis Herbst 1946 lebte, und die Übersiedlung in die Vereinigten Staaten. Aber ich war nicht reif genug, um über meine Erfahrungen in Polen zu schreiben, und ich hatte den Eindruck, auch meine neue Welt noch nicht gut genug zu verstehen.

Focus: Welche beruflichen und persönlichen Fertigkeiten brauchen Ihrer Meinung nach Führungskräfte in Politik und Wirtschaft heute?

Begley: Ein überlegener Verstand und hohe professionelle Fertigkeiten auf dem eigenen Gebiet können nie schaden. Am wichtigsten ist zweifellos ein guter Charakter. Für mich heißt das Integrität, wohlverstandene moralische Werte, Mut und Menschlichkeit. Mein Begriff von Menschlichkeit ist nicht so leicht zu beschreiben, aber eine ordentliche Portion Großzügigkeit, Mitgefühl und Demut gehört dazu. Die Welt braucht keine Wirtschaftsführer, denen die Folgen ihrer Entscheidungen für andere – ob für Mitarbeiter, Kunden oder die Gesellschaft – gleichgültig sind.

Focus: Kann man solche Charakterstärke überhaupt lehren? Und tut die klassische Managerausbildung genug, um solche Eigenschaften zu fördern?

Begley: Was ist denn eine klassische Managerausbildung? Das, was an den Wirtschaftsfakultäten von Harvard und Wharton oder an der Yale School of Management gelehrt wird? Die Ansätze der einzelnen Institutionen unterscheiden sich beträchtlich. Für mich steht jedenfalls fest, dass zu einem wirklich hervorragenden Wirtschaftsstudium in der heutigen Zeit auch Seminare in den Geisteswissenschaften gehören: Geschichte, Politikwissenschaft und zumindest eine Einführung in die Philosophie. Dass Buchhaltung, Wirtschaftswissenschaft und Marketing ausreichen sollen, fällt mir schwer zu glauben.

Focus: In Ihrem letzten Roman – „Ehrensachen“ – erscheint das Harvard der fünfziger Jahre als Spiegel der gesellschaftlichen amerikanischen Elite. Wie sieht die Beziehung zwischen der intellektuellen und der gesellschaftlichen Elite heute aus? Und ist die Qualität der Absolventen der Elite-Universitäten heute noch dieselbe wie damals?

Begley: Wenn Sie unter gesellschaftlicher Elite die „besten Familien“ und ererbten Reichtum verstehen, dann deckt sie sich meiner Meinung nach heute nicht mehr mit der intellektuellen Elite. Übrigens hatte Harvard durchaus eigene Vorstellungen von Elite. Es ging nicht ausschließlich darum, Kandidaten mit den besten Schulnoten oder den höchsten Werten in standardisierten Tests aufzunehmen. Die Universität berücksichtigte auch andere Begabungen, etwa künstlerische oder sportliche, sowie Eigenschaften, die auf künftige Führungsqualitäten schließen ließen. Natürlich wird es auch vorgekommen sein, dass diejenigen, die über die Aufnahme entschieden, in Kindern aus den „besten Familien“ die potenziellen Führungskräfte sahen. Aus eigener Erfahrung kann ich die Qualität der heutigen Absolventen der Eliteuniversitäten nur begrenzt beurteilen, aber als ich noch als Anwalt tätig war, haben sich in unserer Kanzlei jedes Jahr aufs Neue brillante Kandidaten beworben. Die besten Bewerber schienen mir dabei keineswegs schlechter als die Absolventen aus den fünfziger Jahren.

Focus: Der Zugang zu den Spitzenuniversitäten scheint heute genauso sehr von den finanziellen Mitteln der Kandidaten – oder ihrer Eltern – abzuhängen wie von echter Begabung.

Begley: Das scheint mir übertrieben. Die Universitäten bemühen sich immer noch, wirklich Begabte aufzunehmen, und davon gibt es unter den Massen von Bewerbern immer noch sehr viele. Aber es lässt sich auch nicht leugnen, dass Studenten, deren Eltern oder Großeltern der Universität große Summen vermacht haben oder vermachen wollen, im Vorteil sind. Ich glaube allerdings nicht, dass das früher anders war.

Focus: Was haben Sie der Universität zu verdanken und wie hat sie Ihr Leben und Ihre Persönlichkeit geprägt?

Begley: Vor allem hat sie mir ein Bezugssystem vermittelt, zu dem auch literarische Weltanschauungen gehören. Ich habe zum Beispiel die „Göttliche Komödie“ als eine solche Weltanschauung verstehen gelernt, obwohl ich Atheist bin. Noch ein Beispiel? Nun, ich habe sehr früh Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ kennengelernt, ein Werk, in dem die aristokratische französische Gesellschaft des 19. Jahrhunderts im Mittelpunkt steht. Diese besondere Spielart der französischen Bourgeoisie gab es schon kurz nach dem Abschluss des Werks nicht mehr. Aber Prousts Bild von der Gesellschaft, von der Komplexität der Menschen und der Schwierigkeit, Urteile zu fällen – diese Einsichten sind für mich dauerhafte Leitlinien, an denen ich mich beständig orientiere.

Focus: Der Dirigent Nikolaus Harnoncourt hat einmal gesagt, ohne die Kunst sei der Mensch bloß ein Tier. Kann eine umfassende Bildung dazu beitragen, die Moral der Führungskräfte von morgen zu prägen?

Begley: Das hoffe ich doch! Denn was könnte noch gelingen, wenn wir dabei scheitern?

John J. Grumbar, Egon Zehnder, London.
John J. Grumbar, Egon Zehnder, London.

ZUR PERSON Louis Begley

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1933: Louis Begley wird als Ludwik Begleiter in Sryi/Polen (heute Ukraine) am 6. Oktober als einziges Kind jüdischer Eltern geboren. Er überlebt mit seiner Mutter die Verfolgung durch die Nazis und den Zweiten Weltkrieg in verschiedenen Verstecken. Sein Vater, ein Arzt, wird zur russischen Armee eingezogen. Die Familie findet nach dem Krieg in Paris wieder zusammen. Dort besucht Ludwik, der in den Kriegsjahren privat unterrichtet wurde, zum ersten Mal die Schule.

FOTOS: MARTIN LANGHORST