Jasmine Whitbread von Save the Children und der Bildungsforscher Sugata Mitra sprechen über soziale Verantwortung, nachhaltige Entwicklung und die Zukunft des Lernens.

Immer mehr Kinder auf der Welt erhalten Zugang zu Grundschulen. Doch was nützt das, wenn unser Schulsystem überholt ist, ja am Boden liegt? Jasmine Whitbread, Chief Executive von Save the Children International, und Sugata Mitra, Träger des TED-Preises und visionärer Denker in Sachen Bildung und Technologie, gehen diesen Fragen schon seit mehr als zehn Jahren nach. Beide glauben an einen Wandel auf internationaler Ebene, der Bildung neu definieren und zur Lösung sozialer Probleme beitragen könnte. Das Treffen der beiden fand im Sommer 2013 in London statt. Es war ihre erste Begegnung, bei der sich aber sofort ein hohes Maß an Übereinstimmung und gegenseitiger Inspiration zeigte. Beide sind der Auffassung, es sei zu wenig, sich mit verbindlichen Richtlinien für Schulbildung zu begnügen und lediglich sicherzustellen, dass jedes Kind das nötige Rüstzeug erhält, um sich in der globalisierten Wirtschaft zu behaupten. Ebenso wichtig ist in ihren Augen ein neues Verständnis globaler und nachhaltiger Entwicklung, in deren Fokus es steht, dass Wissen (mit-)geteilt wird und Partnerschaften wachsen – mit dem Ziel einer Veränderung der Welt durch Zusammenarbeit.

Sugata Mitra:  „Save the Children“ – Rettet die Kinder – das hat heute wohl eine sehr viel umfassendere Bedeutung als vor 100 Jahren. Es geht nicht mehr nur darum, Kindern in Hunger und Armut zu helfen. In manchen Teilen der Welt besteht das Problem eher darin, sie vor zu viel Fast Food zu bewahren.

Jasmine Whitbread: Völlig richtig. Als Save the Children vor bald 100 Jahren ins Leben gerufen wurde, waren Kinderrechte eine revolutionäre Vorstellung. Heute ist es selbstverständlich, dass Kinder nicht hungrig ins Bett gehen oder ohne Schulbildung aufwachsen. Die internationale Entwicklung hat sich stark verändert, und die Umwälzungen sind noch nicht zu Ende. In ein paar Jahren werden wir diesen Bereich kaum wiedererkennen.

Mitra: Haben die Dinge vielleicht zu viel Tempo, verändern sie sich schneller, als wir – als Organisation – darauf reagieren können?

Whitbread: In den letzten zehn Jahren hat es gewaltige Fortschritte gegeben, doch jetzt ist es an der Zeit, neue Antworten auf die Herausforderungen zu finden. Organisationen müssen strategische Entscheidungen treffen, und sie werden auch Neuland betreten müssen, um die Dinge zum Besseren zu wenden. Im Jahr 2000 fand in Dakar im Senegal eine Tagung von Hilfsorganisationen statt. Damals gingen fast 120 Millionen Kinder nicht zur Schule. Seitdem arbeiten wir in einem großen Verbund daran, diese Zahl zu senken. Heute liegt sie nur noch bei 57 Millionen. Man sieht also, was gemeinsame Anstrengung vermag. Wir sind auf dem richtigen Weg. Doch das, was noch vor uns liegt, ist schwieriger zu bewältigen. Um weiter voranzukommen, brauchen wir wesentlich mehr Engagement von außen.

Mitra: Leider besuchen viele dieser Kinder Schulen, in denen es keine Lehrer gibt oder die sehr dürftig sind. Ein Jahr in der Schule, so glaubt man, entspreche einem Jahr Lernen. An vielen Orten mag das ja so sein, aber eben nicht überall. Also müssen wir uns die Schulen, die diese Kinder besuchen, sehr genau anschauen.

Whitbread: Stimmt. Manche glauben, Save the Children sorge draußen in der Welt für Schulen und Lehrer. In Regionen wie dem Südsudan tun wir das auch. Aber die meisten Länder verfügen bereits über Schulen und Lehrer. Dort müssen wir uns eher darum kümmern, die Qualität der Bildung zu verbessern und effizientes Lernen zu fördern. Wir helfen bei der Erstellung von Lehrplänen, bilden Lehrer aus und arbeiten mit Regierungen und lokalen Verwaltungen zusammen, damit Schüler das Lehrmaterial und die Informationen erhalten, die sie brauchen.

Mitra: Schlechte Schulen sind nicht nur ein Problem von Entwicklungsländern. In manchen Gegenden der Vereinigten Staaten, der größten Wirtschaftsnation der Welt, ist die Bildung genauso dürftig wie in ländlichen Gebieten Afrikas.

Whitbread: Um Qualität geht es überall. In den frühen neunziger Jahren habe ich zwei Jahre in Uganda verbracht. Als eines der ersten afrikanischen Länder hatte Uganda eine Grundschulbildung ohne Schulgebühren eingeführt. Eine aufregende Zeit, denn die Schulen waren plötzlich voll. Über die Lehrpläne allerdings hatte sich die Regierung kaum Gedanken gemacht. Die Kinder lernten also dasselbe, was auch ich Jahrzehnte zuvor in England gelernt hatte. Zum Beispiel über den Sankt-Lorenz-Seeweg, völlig nutzloses Zeug! [Lacht]

Mitra: Der Lehrplan in Uganda stammt aus dem Jahr 1895.

Whitbread: Richtig. Ich erinnere mich noch an die baufälligen, fensterlosen Klassenräume mit Lehmboden. Oft hatten die Lehrer selbst nur die einfachste Schulbildung und waren nie angeleitet worden, wie sie Kindern helfen konnten zu lernen.

Mitra: Aber schlechte Schulen sind nur ein Teil des Problems. Dazu kommt das Bildungssystem selbst. Das Unterrichtsmodell guter Schulen in reicheren Teilen der Welt geht ausnahmslos auf das 19. und 20. Jahrhundert zurück. Dieses Schulsystem entstand in der viktorianischen Ära, der Zeit der Kolonialreiche. Damals wurde alles mehr und mehr automatisiert, und vor diesem Hintergrund sollten Schulen vor allem Angestellte produzieren, die lesen, schreiben und rechnen konnten. Heute sind diese Angestellten überflüssig, weil Maschinen den größten Teil ihrer Arbeit übernommen haben. Trotzdem bestehen die Schulen weiter.

Whitbread: Und die Schüler lernen Dinge, die sie nicht brauchen. Meine Tochter hat gerade die Schule beendet und besucht demnächst die Universität. Tests sind ihr immer leichtgefallen, und sie hat in den Abschlussprüfungen hervorragend abgeschnitten. Wir haben darüber gelacht, denn das Ablegen von Prüfungen bringt nichts mehr. Ein Jammer, dass sie wirklich gut in etwas ist, das sie im Leben kaum mehr brauchen wird.

Mitra: Ja, viele Fertigkeiten, die gelehrt werden, spielen heute keine Rolle mehr. Zum Beispiel Schreiben mit der Hand. Kinder verwenden viele Jahre darauf, eine schöne Handschrift zu erlernen. Aber das ist nicht mehr wichtig – man sollte es als Hobby betrachten, so wie Stricken. Auch die Rechtschreibung gehört dazu. Wir bringen sie den Kindern bei, und die meisten Eltern halten korrektes Buchstabieren für ungeheuer wichtig. Aber da die Kinder nicht mehr mit der Hand schreiben, korrigiert der Computer ihre Rechtschreibung.

Whitbread: Wollen Sie damit sagen, Kinder sollten nicht mehr Buchstabieren lernen?

Mitra: Nein. Nur, dass die Technologie ihnen unter die Arme greift. Wenn man ein Wort einmal falsch schreibt, wird man von der Rechtschreibkorrektur erwischt. Schreibt man es wieder falsch, kommt wieder die Autokorrektur. Beim dritten Mal haben die Kinder es dann gelernt. Auf diese Art kostet Lernen keine Mühe. Das ist etwas ganz anderes, als einen Test zu schreiben oder gesagt zu bekommen, man sei schwach in Rechtschreibung. Ich beobachte das an Kindern auf der ganzen Welt, und ihre Reaktion ist immer die gleiche.

Whitbread: Sie verlieren das Selbstvertrauen.

Mitra: Ja, aber nicht nur das. Sie ziehen nämlich einen Schluss daraus: „Und wenn schon!“ Dieser unausgesprochene Kommentar treibt Kinder, die älter werden, aus der Schule heraus. Sie sagen sich: „Ohne mich. Ich schmeiße es hin.“

Whitbread: Sie haben Recht. Oft versagt die tradierte Schule und ist unfähig, junge Menschen zu fördern. Wir müssen uns also überlegen, was wir ändern können.

Mitra: Ja. Eine Schule sollte Menschen hervorbringen, die sich ihren Lebensunterhalt verdienen können. Das ist nicht dasselbe wie das Einmaleins, hier sind andere Fähigkeiten und Verhaltensregeln gefragt. Kinder etwa müssen wissen, wie sie sich Informationen beschaffen. Ständig starren sie auf ihre Handys und Tablets und wühlen sich durch Informationen. Aber wie sie richtig suchen, haben wir ihnen nicht beigebracht. Wir haben sie sich selbst überlassen, und nun müssen sie sich durch ein Meer von Informationen kämpfen, das wir geschaffen haben – mit Mitteln, die ebenfalls wir geschaffen haben.

Whitbread: Kann man das in der Schule lernen?

Mitra: Meine Arbeit zielt weniger auf das Unterrichten ab – dieses Modell muss sich ändern. Mir liegt eher daran, Kinder zum eigenständigen Lernen zu bewegen. Immer häufiger stelle ich fest, dass sich Kinder, die man in einer Umgebung voller Informationen alleinlässt, wie ein selbstorganisierendes System verhalten. Wenn sie mit Ideen und Informationen hantieren dürfen, kommt etwas in Gang. Der Fachbegriff dafür ist Emergenz, wie bei der Pflanze. Lernen tritt hervor wie eine Blüte, es passiert einfach. Für Kinder, die kaum Zugang zu Hilfsmitteln haben, ist das von hoher Bedeutung, denn auf diese preiswerte Art lernen sie mehr und besser als in der üblichen Umgebung. Setzt man als vorrangige Lernmethode selbstorganisierende Systeme ein, muss sich auch der Lehrplan selbst organisieren. Ein guter Lehrplan ändert sich täglich – nicht nur alle fünf Jahre, wie es derzeit in den meisten Industrieländern der Fall ist.

„Ein guter Lehrplan ändert sich täglich – nicht nur alle fünf Jahre, wie es derzeit in den meisten Industrieländern der Fall ist.“
- Sugata Mitra

„Vor zehn Jahren glaubte man, die Bildungsprobleme der Welt ließen sich lösen, wenn man jedem Kind einen Laptop in die Hand drückt. Das klingt heute etwas naiv.“
- Jasmine Whitbread

Whitbread: Die Fragen, die Ihre Forschungen aufwerfen, sind sehr interessant. Im Nahen Osten und in großen Teilen Afrikas beklagen Unternehmen, dass sie keine ausgebildeten jungen Leute finden, die ihren Anforderungen entsprechen. In Ländern, in denen es kein viktorianisches Schulsystem gibt, könnten Ihre Ideen dazu beitragen, das alte Modell zu überwinden und eine neue Art Bildung hervorzubringen.

Mitra: Ein selbstorganisierendes System hat bestimmte Voraussetzungen. Zunächst braucht man eine Frage, die motiviert und neugierig macht. Darüber entscheiden Kinder häufig selbst. Aber man kann ihnen auch etwas Interessantes vorschlagen, mit dem sie sich dann beschäftigen, etwa eine ganz grundlegende offene Frage. Zum Beispiel: Warum sind Menschen die einzigen Wesen auf der Welt, die Kleidung tragen? Zehnjährige können sich stundenlang mit dieser Frage beschäftigen. Ähnliche Fragen lassen sich zu jedem anderen Thema entwickeln. Statt Kindern etwas beizubringen, was wir bereits wissen, könnten wir den Lehrplan doch auch um Dinge kreisen lassen, die wir noch nicht wissen. Das würde Kinder stärker ansprechen und ihnen helfen, mehr zu lernen.

Whitbread: Dasselbe gilt für die Wirtschaft. Allzu oft greifen Unternehmen auf das Bekannte und Bewährte zurück, statt sich die wesentlichen Fragen zu stellen und Neuland zu erkunden.

Zu Gast in der Londoner Zentrale von Save the Children: Jill Ader, Egon Zehnder London, und Philippe Loewenstein, Egon Zehnder Brüssel, im Gespräch mit Jasmine Whitbread und Sugata Mitra.

Mitra: Richtig. Der zweite Schlüssel zur selbstorganisierten Lernumgebung ist der Zugang zu Informationen. Wenn Kindern die ganze Bandbreite des Internets auf Abruf zur Verfügung steht, funktioniert irgendwann das gesamte System. Die dritte und vielleicht wichtigste Bedingung ist äußerste Zurückhaltung der Erwachsenen.

Whitbread: Was vermutlich schwieriger ist, als man glauben würde.

Mitra: Ja, manche Lehrer tun sich schwer mit Selbstorganisation – schon in der Theorie. Unser derzeitiges Bildungssystem unterstellt, dass man lernt, wenn man Unterricht bekommt. Wenn wir wollen, dass Kinder etwas lernen, heißt das, dass sie unterrichtet werden müssen. Aber es gibt noch einen anderen Weg. Wenn man zulässt, dass Gruppen von Kindern sich selbst organisieren, lernen sie ganz von selbst.

Whitbread: Interessant, wie sich die Debatte über die Rolle der Technik in der Bildung in den letzten Jahren verschoben hat. Vor zehn Jahren glaubte man, die Bildungsprobleme der Welt ließen sich lösen, wenn man jedem Kind einen Laptop in die Hand drückt. Das klingt heute etwas naiv.

Mitra: Ja – meine Forschungen zeigen, dass Gruppen von vier bis fünf Kindern, die einen einzigen Computer haben, mehr leisten als einzelne Kinder mit je einem eigenen Computer. Man hilft jungen Menschen nicht, wenn man ihnen einfach nur einen Laptop gibt. Computerhersteller hören das natürlich nicht gern. Kinder in Gruppen und ohne Lehrer lernen schneller als mit Lehrer im Klassenzimmer. Und das gefällt wiederum der Schule nicht.

Whitbread: Da sind zu viele Interessen im Spiel.

Mitra: Ich möchte mich hier nicht in Schuldzuweisungen ergehen, sondern lediglich darauf hinweisen, dass wir ein 200 bis 300 Jahre altes Bildungsmodell im Gepäck haben. Das Ganze wirkt auf mich wie eine stumpfsinnige Maschine, die ein Produkt herstellt, das man nicht mehr braucht.

„Unser derzeitiges Bildungssystem unterstellt, dass man lernt, wenn man Unterricht bekommt. Aber es gibt noch einen anderen Weg. Wenn man zulässt, dass Gruppen von Kindern sich selbst organisieren, lernen sie ganz von selbst.“
- Sugata Mitra

Whitbread: Ich sehe allerdings auch Anlass zum Optimismus. In der Bildung sind in den kommenden Jahren große Veränderungen möglich. Der Bereich internationaler Entwicklung macht gerade eine Phase kreativer Umwälzungen durch. Noch zu unseren Lebzeiten könnte er sich grundlegend wandeln. Denken Sie nur an die vielen Unternehmen, die sich einem sozialen Auftrag verpflichtet fühlen. Jedes Jahr kommen Tausende solcher Unternehmer zum Skoll World Forum nach Oxford. Ein Drittel aller Teilnehmer der MassChallenge, der Schmiede für Start-ups in Massachusetts, befasst sich mit sozialen Fragen. Immer mehr Firmen starten Projekte wie etwa das 10.000 Women Entrepreneurship Programme von Goldman Sachs oder The Girl Effect von Nike. In Großbritannien hat sich das Founders Forum unter der Leitung von Martha Lane Fox zum Ziel gesetzt, die Leistungen von Unternehmen aus dem Technologiebereich zur Lösung sozialer Probleme zu nutzen. Während diese neuen Akteure auf der Bühne erscheinen, treten traditionelle Player ab. DFID zum Beispiel, das Ministerium für internationale Entwicklung in Großbritannien, hat sich kürzlich aus Indien zurückgezogen. Das liegt daran, dass viele Länder, die wir in unserer Jugend als „Entwicklungsländer“ bezeichnet haben, mittlerweile Länder mit mittlerem Einkommen sind, die ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Wir wissen nicht, was kommt, aber mit etwas Glück könnten diese Trends große Veränderungen in der Weltentwicklung auslösen.

Mitra: Das stimmt – niemand weiß, was kommt. Die Dinge sind ungewiss und verändern sich zu schnell. Doch ich glaube, heutige Unternehmen müssen das Geschäftsfeld, auf dem sie tätig sind, mit sozialer Verantwortung – corporate social responsibility – verbinden. Wer das schon getan hat, steht an der Spitze seiner Branche. Denn gesellschaftlicher Wandel wird immer wichtiger. Besonders junge Menschen hier im Westen fordern ihn. Wenn ich Studenten frage, was sie einmal machen wollen, höre ich oft: „Ich will mit meinem Leben etwas Sinnvolles anfangen.“ Interessanterweise bekomme ich auf diese Frage in Indien eine
ganz andere Antwort. Dort heißt es: „Ich will Arzt werden“, „ich will Rechtsanwalt werden“, „ich will Ingenieur werden“. Indische Jugendliche denken über ihr Berufsziel noch in sehr traditionellen Bahnen.

Whitbread: Das wird sich mit der Zeit wohl ändern.

Mitra: Vielleicht. Wenn es zum natürlichen Entwicklungsprozess gehört, ja, dann wird sich das ändern. Aber was, wenn es ähnlich geht wie mit der produzierenden Industrie, die heute fast ausschließlich in Asien sitzt? Was, wenn die Ärzte, Rechtsanwälte und Ingenieure der Zukunft alle aus diesem Teil der Welt kommen? Dann werden wir uns in einer merkwürdigen Welt wiederfinden, in der nicht nur alle Expertise aus dem Osten kommt, sondern auch die verarmte Bevölkerung. Waren und Dienstleistungen gelangen nach Westen, während die Menschen hier wieder in den Osten eilen, um dort den Benachteiligten zu helfen! [Lacht]

Whitbread: Junge Leute in Indien werden sich wohl kaum sagen: „Ich will mich aufmachen und die Welt verändern.“ Aber Indien hat eine sehr lebendige Zivilgesellschaft. Und da die Wirtschaft weiter wächst, wird auch der Druck zunehmen, das Thema Ungleichheit anzugehen. Indien kann es sich zum Beispiel nicht leisten, die weitverbreitete Mangelernährung zu ignorieren, die nachfolgende Generationen belastet. Und es ist nur eine Frage der Zeit, bis Indien selbst zum Geberland wird. Daher glaube ich daran, dass das alte Entwicklungsmodell – das meiner Meinung nach ohnehin kein gesundes war – bald abgelöst wird.

Mitra: Hoffentlich haben Sie Recht. Seit ich vor acht Jahren nach England gezogen bin, beobachte ich Indiens wachsenden Wohlstand. Man hat manchmal den Eindruck, dass dort eine Generation ziemlich verwirrter, aggressiver und materialistisch denkender Jugendlicher heranwächst. Sie akzeptieren keine Autorität und lehnen soziale und religiöse Überzeugungen ab. Wenn man sie fragt, woher die Werte stammen, die sie leben, antworten sie: „Hat es Amerika auf diese Art nicht bis ganz an die Spitze geschafft?“ Oft höre ich in indischen Großstädten das Kürzel WIIFM. Es bedeutet: „What’s in it for me?“, also „Was springt für mich dabei heraus?“. Jugendliche benutzen es ständig. Ein erschreckendes Wort. Wenn für diese Jugendlichen nichts dabei herausspringt, wollen sie nichts damit zu tun haben.

„Entwicklung geht manchmal gerade an denen vorbei, die sie am dringendsten brauchen.“
- Jasmine Whitbread

Whitbread: Ein gutes Beispiel dafür, wie Entwicklung manchmal gerade an denen vorbeigeht, die sie am dringendsten brauchen. Heute wird viel von Verantwortung gesprochen, davon, dass man Rechenschaft geben muss. Aber damit ist nur die Rechenschaft gemeint, die man dem Kreditgeber gegenüber ablegt, nicht der betroffenen Bevölkerung.

Mitra: Ja, in der Bildung beobachte ich das auch. Forschungs- und Entwicklungsteams erarbeiten Problemlösungen, ohne Kinder einzubeziehen. Niemand spricht mit ihnen.

Whitbread: Wir sind eine Kinderrechtsorganisation. Deshalb sind Kinder an der Entwicklung all unserer Programme beteiligt. Aber wir von Save the Children wollen möglichst viel erreichen. Das bedeutet: Damit andere etwas von unserer Arbeit haben und unsere Idee weitertreiben können, müssen wir einen Teil der Wertschöpfungskette abtreten. Das unterscheidet sich deutlich von einer Wirtschaft, der es darum geht, geistiges Eigentum zu schützen und Mehrwert für Shareholder zu schaffen. Als Kinderrechtsorganisation haben wir es geradezu darauf angelegt, dass unsere Ideen kopiert werden. Unser Wissen soll öffentlich zugänglich sein. In dieser Hinsicht bleibt noch viel zu tun. Ich will Ihnen ein Beispiel geben. Als ich in Westafrika für Oxfam arbeitete, wollte ich unser dortiges Bildungsprogramm verbessern. Also unterhielt ich mich mit unseren Fachleuten. Ich fuhr zur Weltbank nach Washington und zu Geldgebern, die sich auf Bildung fokussieren. Doch wohin ich auch kam, es war sehr schwierig herauszufinden, welche Fußangeln es zu meiden galt und welches Qualitätsniveau überhaupt den Maßstab bildete. Geben Sie mal den Begriff „hochwertige Bildungsprojekte“ oder „quality education project“ in die Suchmaschine ein – es ist hoffnungslos! Es gibt zu wenig Austausch und Zusammenarbeit zwischen Organisationen verschiedener Bereiche.

Mitra: Über Nacht verändert man die Systeme nicht. Aber meine Sorge ist, sie könnten zusammenbrechen, bevor wir Gelegenheit haben, sie zu reparieren.

Whitbread: Ja, wir müssen Kooperation lernen. Wenn wir es nicht schaffen, unser Wissen zu teilen und neue Formen der Partnerschaft einzugehen, laufen wir Gefahr, auf die internationale Entwicklung von heute mit Rezepten von gestern zu reagieren.

Jasmine Whitbread,

ist CEO von Save the Children International, der weltweit größten unabhängigen Kinderrechtsorganisation. Mit einem Budget von 6 Milliarden US-Dollar und weltweit 14.000 Mitarbeitern setzt sich diese Hilfsorganisation in 120 Ländern dafür ein, Kindern eine bessere Ausbildung, medizinische Versorgung und wirtschaftliche Chancen zu verschaffen. Darüber hinaus leistet die Charity-Organisation Hilfe für Opfer von Naturkatastrophen, Kriegen und anderen Konflikten. Nach fünf Jahren an der Spitze von Save the Children UK wurde Whitbread 2010 zum ersten internationalen CEO der Hilfsorganisation ernannt. Davor arbeitete sie sechs Jahre für Oxfam, zunächst als Regionalleiterin in Westafrika und anschließend als Direktorin für weltweite Hilfsprogramme. Jasmine Whitbread ist in London geboren und aufgewachsen. Nach dem Besuch der örtlichen Gesamtschule studierte sie Englisch an der Bristol University und arbeitete in den frühen neunziger Jahren als Freiwillige für den Voluntary Service Overseas in Uganda. Später war sie fast zehn Jahre in der Wirtschaft tätig, so zum Beispiel von 1994 bis 1999 als Hauptgeschäftsführerin von Thomson Financial. Sie besitzt die britische und die schweizerische Staatsbürgerschaft, ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Sugata Mitra,

ist Professor für Bildungstechnologie an der Universität von Newcastle in England. Er wurde 1952 im indischen Kalkutta geboren und studierte zunächst Informatik und Molekularwissenschaft, bevor er zu Biologie, Medizin und Psychologie wechselte und 1978 am Indian Institute of Technology in Physik promovierte. Mitra wurde vor allem wegen der „Hole in the Wall“-Experimente in den Slums von Neu-Delhi und anderen Orten bekannt. Dafür installierte er Computer mit Internetzugang in Maueröffnungen und wartete ab, was geschah. Es gab keine Lehrer und keine Anweisungen, lediglich freien Zugang zu einer Online-Welt voller Informationen. Die eifrigsten Nutzer waren Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren, die über keinerlei Erfahrungen mit Computern verfügten. Sie fanden schnell einen Zugang zu den Geräten und überwanden dabei sowohl Sprachgrenzen als auch Bildungsdefizite. Allein von Neugier und dem Interesse ihrer Altersgenossen angetrieben, brachten sie sich das Gelernte gegenseitig bei. Für diese Experimente, die bei Bildungswissenschaftlern große Aufmerksamkeit erregten, erhielt Mitra 2013 den angesehenen, mit 1 Million US-Dollar dotierten TED Prize.



FOTOS: MATTHIAS ZIEGLER