Edmund S. Phelps über Lektionen aus der Krise

„Der Staat muss die Innovations­kraft von Unternehmen stärken.“

Der Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften Edmund S. Phelps zeigt sich durch die Krise geläutert. Manche Bereiche des Markts seien zu wenig reguliert, sagt der Ökonom, der früher als Marktradikaler galt. So sollte der Staat künftig die Preise auf dem Kapitalmarkt kontrollieren und diejenigen Banken unterstützen, die Unternehmen für Innovationsprojekte mit Krediten ausstatten. Nur so könne er sicherstellen, dass Unternehmen innovativ und wandlungsfähig bleiben – und zu einem höheren Wohlstand beitragen.

Focus: Herr Phelps, an welcher Stelle des Konjunkturzyklus befinden wir uns gerade? Haben wir den Tiefpunkt der Wirtschaftskrise schon hinter uns gelassen und gehen jetzt auf bessere Zeiten zu?

Edmund S. Phelps: In der derzeitigen Situation ist es sehr schwierig, darauf eine Antwort zu geben. Aber immerhin besteht Grund zur Hoffnung. Wir sehen erste Anzeichen einer Erholung. Die Nachfrage nach Arbeitskräften steigt wieder, auch das Wirtschaftswachstum hat in vielen Ländern leicht angezogen. Die Geschichte lehrt uns aber, dass sich eine Volkswirtschaft von solchen Schocks nur sehr langsam erholt. Mehrere Banken wurden zahlungsunfähig, viele weitere waren nicht mehr in der Lage, Kredite zu gewähren. Viele Haushalte gingen pleite und bekommen keine Kredite mehr.

Focus: Hilft der Vergleich mit der Weltwirtschaftskrise in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, um eine Prognose zu treffen, wie sich unsere Wirtschaft in den kommenden Jahren entwickeln wird?

Phelps: Die Erfahrungen dieser Zeit geben uns zumindest einige Hinweise, wie die Entwicklung verlaufen könnte. Vor allem sieht man, wie lange es dauern kann, bis die Wirtschaftsleistung nach einer schweren Krise wieder anzieht. Nach der Weltwirtschaftskrise hat es allein vier Jahre gedauert, bis sich die Beschäftigungsquote wieder erholte – und noch viel länger, bis sie wieder das Vor-Krisen-Niveau erreicht hatte. Ganz ähnlich wird es auch jetzt ablaufen. Selbst wenn das jährliche Wachstum höher als üblich ausfällt, wird der innovationsbedingte Produktivitätsschub den Anstieg der Beschäftigungsquote verlangsamen.

Focus: Im Rückblick auf die Krise stellt sich auch die Frage, warum Ökonomen die Probleme nicht haben kommen sehen und warum sie nicht rechtzeitig vor den Gefahren gewarnt haben. Machen Sie sich deshalb Vorwürfe?

Phelps: Natürlich habe ich mich gefragt, was ich selbst eigentlich vor dem Beginn der Krise gedacht und gesagt habe. Zunächst, nachdem die Immobilienpreise ihren Höhenflug begonnen hatten, suchte ich nach einer Erklärung für die hohen Preise. Ungefähr im Jahr 2003 reifte in mir die Erkenntnis, dass die Preise unbegründet hoch waren – zu hoch. Aber ich muss selbstkritisch sagen, dass ich nicht zu den ersten Ökonomen gehörte, die darauf hingewiesen haben, wie zerstörerisch die Preiskorrektur werden würde. Bis zum Beginn der Krise konnte ich mir einfach nicht vorstellen, dass sich Banken in eine solch verwundbare Position bringen würden, dass fallende Hauspreise sie in den Abgrund reißen. Aber genau das haben sich viele Banken angetan. Sie hatten so viele faule Kredite für Wohnimmobilien in ihren Büchern, dass das System früher oder später kollabieren musste.

Focus: Haben Sie heute eine Erklärung, warum Banken so gehandelt haben?

Phelps: Zunächst haben sicherlich viele Marktteilnehmer die steigenden Hauspreise mit den niedrigen Zinsen erklärt, mit denen die Zentralbanken nach der Rezession in den Jahren 2001 und 2002 die Wirtschaft ankurbeln wollten. Dabei haben Banken und Immobilienkäufer aber offenbar zu wenig beachtet, dass die Zinsen zum Teil nicht ewig so niedrig bleiben würden. Heute erklären viele Kommentatoren die Entwicklungen, die zur Krise geführt haben, mit der Gier und Rücksichtslosigkeit der Banker. Diese Erklärung ist aber zu einfach. Kritisieren wir japanische Fischer dafür, dass sie zu viele Fische fangen? Die Banken haben vielmehr nicht erkannt, welche Risiken sie eingehen. Sie waren geradezu besessen davon, Hypothekenkredite zu geben. Dadurch waren sie immens verletzlich, als die Preise fielen.

Focus: Wie konnte es passieren, dass weder Banken noch Ökonomen erkannten, auf welche Katastrophe die Wirtschaft zusteuerte?

Phelps: Die Banken standen offenbar unter einem so scharfen Konkurrenzdruck, dass sie kaum einen anderen Ausweg sahen, als immer höhere Risiken einzugehen. Weil das eine Zeit lang gut funktionierte, wurden die Risiken immer größer. Auch die Ökonomen haben nicht erkannt, welche Gefahr darin lag. Die Mehrheit meiner Kollegen konnte sich einfach nicht vorstellen, dass der Markt versagen könnte. Sie hatten schließlich 30 oder 40 Jahre lang gepredigt, dass jeder Preis, der auf einem Markt entsteht, der richtige sein muss.

Focus: Sie haben vor dem Ausbruch der Krise immer vor zu starken Eingriffen des Staats in den Markt gewarnt. Nun scheint es so, als hätte der Staat mit einer strengeren Regulierung der Banken und mit einer schärferen Finanzaufsicht diese Krise verhindern können. Mussten Sie Ihre Ansichten revidieren?

Phelps: Es gibt sicherlich Bereiche des Markts, die in der Vergangenheit zu wenig reguliert waren. So bin ich zum Beispiel heute überzeugt, dass wir dringend staatliche Behörden brauchen, die Alarm schlagen, wenn der Preis eines Assets deutlich zu hoch gestiegen oder zu tief gefallen ist. Jedes Land sollte eine solche Behörde einrichten, die die Macht hat, wenn nötig am Markt zu intervenieren. In den Aufsichtsbehörden sollten Personen ihre Fähigkeiten für die Allgemeinheit einbringen, die lange in der Finanzindustrie gearbeitet haben.

Focus: Die europäischen Länder scheinen einen anderen Ansatz zu wählen. Sie diskutieren gerade darüber, Hedgefonds und Private-Equity-Investoren zu regulieren. Ist das sinnvoll?

Phelps: Nein. Unser wirtschaftliches System basiert doch darauf, dass Unternehmen selbst entscheiden, wann sie welche Assets besitzen wollen. Wer Hedgefonds und Private Equity reguliert, schwächt das ganze System, indem er es einengt. Für Unternehmen wird es teurer, Kapital für Investitionen in innovative Ideen einzusammeln. Damit geht Europa in die völlig falsche Richtung. Viele Europäer verfolgen offenbar die Idee, dass unser Wirtschaftssystem zu viele Risiken produziert. Deshalb wollen sie Risiken eingrenzen. Aber das wird nicht funktionieren.

Focus: Inwieweit müssen wir denn auf die Finanzindustrie Rücksicht nehmen?

Phelps: Wir sollten nicht über das Ziel hinausschießen. Banken und andere Kapitalgeber haben eine immense Bedeutung für unser Wirtschaftssystem, weil sie für die Finanzierung von Innovationen sorgen. Wenn diese aber in Fesseln liegen, wird es für Unternehmen sehr schwierig, Kapital für ein unsicheres Projekt zu erhalten.

Focus: Erfüllen Banken diese Aufgabe denn überhaupt noch? Immerhin klagen Unternehmen darüber, dass es zuletzt deutlich schwieriger geworden ist, Geld zu bekommen.

Phelps: Das ist richtig. Viele Banken sind im Moment zu sehr mit ihren eigenen Problemen beschäftigt. Gerade innovative Unternehmen stehen damit oft vor einem Finanzierungsproblem. Große Konzerne sind noch am wenigsten betroffen, denn sie können sich meist selbst finanzieren, zum Beispiel indem sie Anleihen begeben. Doch kleine und mittelständische Firmen kommen nur noch schwer an Kapital. Das bremst ihre Innovationskraft – zum Schaden des Gemeinwohls.

Focus: Wie lässt sich dieses Problem lösen?

Phelps: Der Staat sollte Innovationen fördern und so die Lücke schließen, die sich aus dem Rückzug der Banken ergibt. Dazu muss der Staat eine neue Art von Banken gründen, die ausschließlich innovative Unternehmen mit Kapital versorgt. So verhindern wir, dass Investitionen in neue Produkte und neue Technologien mangels Finanzierung scheitern.

Focus: In der Vergangenheit haben Sie stets gemahnt, staatliche Eingriffe nur in seltenen Ausnahmefällen zuzulassen. Sind die Voraussetzungen hier erfüllt?

Phelps: Ja. Ich spreche mich für eine staatliche Intervention aus, weil sie in der aktuellen Situation dazu beitragen könnte, die Innovationskraft zu erhöhen. Innovationen sind zentrale Voraussetzung für eine gesunde Wirtschaft. Wir brauchen sie nicht nur für das Wachstum der Produktivität, sondern auch für eine geringe Arbeitslosenquote.

Focus: Was kann der Staat außerdem tun, um die Wirtschaft in Zukunft flexibler und belastbarer zu machen?

Phelps: Unternehmen werden besonders belastbar und flexibel, wenn sie gewohnte Pfade verlassen und Neues ausprobieren – angetrieben von der Hoffnung, dass dieser Weg in Zukunft besser funktionieren wird als der alte. Der Staat muss also ein Umfeld schaffen, in dem Unternehmen auch innovative Ideen umsetzen können, von denen im Vorfeld niemand so genau sagen kann, ob sie zum Erfolg führen. Wir sind auf solche Ideen angewiesen, damit sich die Wirtschaft immer wieder verjüngt. Der Wohlstand eines Landes hängt direkt von seiner Dynamik und dessen Offenheit für Innovationen ab. Dies darf der Staat nicht dadurch beschränken, dass er ohne Not Märkte reguliert und somit die Flexibilität der Unternehmen beschneidet – also ihre Fähigkeit, sich neuen Gegebenheiten und Herausforderungen anzupassen. Außerdem muss der Staat dafür sorgen, dass seine Bürger flexibel und innovationsfreudig bleiben. Dafür wird die Wirtschaft mit einem starken Produktivitätswachstum, einer geringen Arbeitslosigkeit und einer großen Zufriedenheit der Menschen belohnt.

Focus: Wie können Volkswirtschaften die notwendige Dynamik entfalten?

Phelps: Um die Dynamik einer Volkswirtschaft zu fördern und zu erhalten, müssen Staaten vor allem drei Gefahren meiden. Erstens dürfen Wirtschaftspolitiker die Menschen nicht mit einem überdimensionierten Sozialstaat komplett gegen die Kräfte des Markts abschotten, denn damit würden sie alle sinnvollen Anreize außer Kraft setzen. Zweitens müssen sie gewährleisten, dass Unternehmer, Manager und Kapitalgeber ihre Besitzrechte durchsetzen können – auch gegen den Widerstand anderer Stakeholder wie zum Beispiel der Mitarbeiter. Und drittens müssen Staaten dafür sorgen, dass die eigene Volkswirtschaft offen ist in Bezug auf den Import und Export von Waren und Kapital. Wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind, wird sich eine dynamische Kraft ganz von allein entwickeln.

Focus: Sie haben sich immer wieder Kritik eingehandelt mit der Forderung, Staaten sollten ihre Arbeitsmärkte deregulieren und die Arbeitnehmerrechte einschränken.

Phelps: Über diesen Punkt denke ich inzwischen weniger radikal als früher. Es ist sicherlich übertrieben zu behaupten, dass sich Arbeitnehmer in Europa so sicher fühlen, dass sie zu wenig sparen – und Unternehmen wegen der geringen Sparquote zu wenig Kapital für Investitionen zur Verfügung steht. Dennoch glaube ich weiterhin an einen grundlegenden Zusammenhang: Je weniger Arbeitnehmer gezwungen sind, sich alle paar Jahre einen neuen Arbeitsplatz zu suchen, an dem sie den größtmöglichen Nutzen stiften, desto geringer wird die Innovationskraft der Unternehmen sein. Besonders schädlich sind auch Modelle wie das der Mitbestimmung in Deutschland. Wenn Angestellte mitentscheiden, ob ein Unternehmen zum Beispiel eine Fabrik an einen anderen Standort verlagert, werden sie das immer ablehnen – selbst wenn es im Interesse des Unternehmens und der Gesellschaft liegt.

Focus: Sie vertreten die These, dass auch die Geisteshaltung der Menschen entscheidenden Einfluss auf die Dynamik einer Volkswirtschaft hat. Warum?

Phelps: Die Geisteshaltung der Bürger eines Staats entscheidet darüber, nach welchen Regeln sie ihre Wirtschaft organisieren. Zum Beispiel, ob sie sich einen starken Staat wünschen. Diese Geisteshaltung kann man natürlich kaum beeinflussen, denn sie hängt direkt vom kulturellen Hintergrund eines Landes ab. Und die Unterschiede sind zum Teil frappierend. So etwa nehmen die Menschen in vielen Ländern nicht gern Anweisungen entgegen.

Focus: Im vergangenen Jahr haben viele Staaten milliardenschwere Konjunkturpakete geschnürt. Helfen diese, Unternehmen innovativer zu machen?

Phelps: Die Stimulus-Pakete kommen vor allem solchen Branchen zugute, denen es schlecht geht. Diese Unternehmen versäumen es deshalb jetzt, ihre Kapazitäten anzupassen und sich neuen Märkten zuzuwenden. Stattdessen zementiert der Staat eingefahrene Strukturen und behindert den Strukturwandel sowie die effiziente Allokation von Kapital und Arbeit. Wer zum Beispiel Geld in die Bauindustrie steckt, der verhindert damit, dass Angestellte aus dieser Industrie in wachsende Wirtschaftszweige wechseln.

Focus: Welchen Rat würden Sie CEOs geben, um auf künftige Krisen besser vorbereitet zu sein?

Phelps: CEOs sollten sich bewusst werden, dass es keine bessere Zeit gibt als die derzeitige, um alles im Unternehmen auf den Prüfstand zu stellen. Während eines Booms sind Manager in erster Linie damit beschäftigt, sich um operative Prozesse des Tagesgeschäfts zu kümmern und „business as usual“ zu betreiben. Doch jetzt in der Rezession haben sie verstärkt Zeit, darüber nachzudenken, wie sie schlagkräftiger werden können. Das hat schon in der Vergangenheit zu Effizienzsprüngen geführt. So ist zum Beispiel während der großen Depression in den USA die Produktivität pro Mitarbeiter und pro Stunde stark angestiegen. Das war damals auf eine effizientere Organisation der Unternehmen, aber auch auf die Optimierung des Produktportfolios zurückzuführen. Und genau den gleichen Effekt wird die aktuelle Krise haben.

Das Interview mit Edmund S. Phelps in New York führten  Lisa G. Blais (links), Egon Zehnder, Boston, und Ulrike Mertens, FOCUS.
Das Interview mit Edmund S. Phelps in New York führten Lisa G. Blais (links), Egon Zehnder, Boston, und Ulrike Mertens, FOCUS.

Edmund S. Phelps

Edmund Strother Phelps wurde am 26. Juli 1933 in Evaston, Illinois, geboren. Nach Stationen in Yale und an der University of Pennsylvania wurde der Ökonom im Jahr 1982 McVickar Professor of Political Economy an der Columbia University, New York. Im Jahr 2006 erhielt Phelps den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften für seine Analyse intertemporaler Zielkonflikte. Zentrales Ergebnis seiner Forschung: Volkswirtschaften können eine niedrige Arbeitslosenquote nicht mit einer hohen Inflation erkaufen. Dies hatten Ökonomen bis dato angenommen – Grundlage dieser Theorie war die Phillips-Kurve. Phelps belegte nun, dass diese Art keynesianischer Konjunkturpolitik nicht funktioniert. Der Grund: Steigert der Staat seine Ausgaben, erwarten die Wirtschaftssubjekte eine höhere Inflation, höhere Löhne und höhere Steuern in der Zukunft – was das erhoffte Wirtschaftswachstum und eine damit verbundene niedrigere Arbeitslosenquote gleich wieder zunichte macht. Unter Ökonomen ist Phelps zudem für die „Goldene Regel der Akkumulation“ bekannt. Sie besagt, dass nicht die Produktion pro Kopf maximiert werden müsse, sondern der Konsum pro Kopf. Dieses Ergebnis ist erreicht, wenn alle Löhne konsumiert und alle Zinseinkommen gespart werden, der Zinssatz also der Wachstumsrate entspricht.

FOTOS: JÜRGEN FRANK