Interview mit Bill Clinton

“Ohne qualitativ gute und bezahlbare Bildung können Menschen und Nationen ihr volles Potenzial nicht entfalten.”

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Der frühere US-Präsident Bill Clinton über Bildung, Armut und die Arbeit seiner Stiftung. Bill Clinton denkt nicht daran, sich auf seinen Lorbeeren auszuruhen. Mit der Clinton Foundation und der Clinton Global Initiative will der frühere US-Präsident dazu beitragen, Probleme zu lösen, die die Menschheit weltweit betreffen – Probleme wie AIDS, Armut und Klimawandel. Der ehemalige Gouverneur von Arkansas hat früh erkannt, dass bessere Bildung ein wichtiger Ansatz für die Lösung dieser Probleme ist. Mit seinem Charisma bringt er Politiker, Unternehmenslenker, Institutionen und nichtstaatliche Organisationen (NGOs) an einen Tisch und erläutert ihnen, wie sie eine verantwortungsvolle Rolle bei der Lösung der Probleme der Welt übernehmen können. Damit erfüllt der Ex-Präsident eine wichtige Funktion: Nach Ansicht von Clinton wissen viele nämlich überhaupt nicht, wie sie anderen am besten helfen können. Bill Clinton tut alles, um diese Wissenslücken zu schließen. Von seiner Initiative profitieren letztlich benachteiligte und bedürftige Menschen weltweit.

Focus: Herr Präsident, in Ihrer Autobiographie „My Life“ beschreiben Sie Ihre Anstrengungen als Gouverneur von Arkansas, das staatliche Bildungssystem zu verbessern. Welche Chancen vergeudet eine Gesellschaft, die Bildung und Erziehung vernachlässigt?

Bill Clinton: Es ist unser aller Aufgabe, dafür zu sorgen, dass Kinder überall auf der Welt eine Ausbildung erhalten und ihnen die Fähigkeiten und das Rüstzeug vermittelt werden, die sie benötigen, um vollwertige Mitglieder der Gemeinschaft zu werden. Als Gouverneur habe ich versucht, den Standard bei Schülern und Lehrern zu erhöhen und beiden Seiten die hierfür erforderliche Unterstützung zukommen zu lassen. Ich bin selbst in einem der ärmsten amerikanischen Bundesstaaten aufgewachsen und wusste deshalb aus eigener Erfahrung, dass Menschen, Gruppen und ganze Länder ohne qualitativ gute und bezahlbare Bildung ihr volles Potenzial nicht entfalten können. Dies gilt heute mehr denn je, sowohl in den Industrie- als auch in den Entwicklungsländern.

Focus: Sie haben einmal über die Clinton Global Initiative gesagt: „Wir holen uns viele Anregungen aus der Wirt schaft.“ Was genau haben Sie damit gemeint?

Clinton: Die Clinton Foundation ist in verschiedenen Bereichen tätig, darunter in der Bekämpfung von HIV/AIDS, Armut, Adipositas bei amerikanischen Kindern und der des Klimawandels. Die Clinton Global Initiative ihrerseits ist eine jährlich stattfindende Konferenz, an der hochrangige Politiker aus aller Welt, CEOs und Philanthropen teilnehmen. Sie befasst sich mit den dringendsten Problemen unserer Zeit. Die gesamten Stiftungsaktivitäten sind geprägt von einem unternehmerischen Ansatz der Problemlösung. Wir arbeiten mit vielen ehemaligen Unternehmenslenkern, die wissen, wie man die Dinge anpacken muss, damit man Ziele rasch und effizient erreicht. Wir dokumentieren unsere Erfolge und Misserfolge. So wissen wir genau, wo wir stehen und wo wir noch besser werden müssen. Darüber hinaus pflegen wir in Zusammenarbeit mit Unternehmen einen pragmatischen Ansatz, um eine gemeinsame Problemlösung zu bewirken. Unsere Initiative zur Bekämpfung von Übergewicht bei Kindern ist vor kurzem eine Partnerschaft mit führenden Snack- und Softdrink-Herstellern eingegangen. Ziel dieser Partnerschaft ist es, gemeinsam Richtlinien für eine vernünftige Ernährung in der Schule festzulegen. Unsere HIV/AIDS-Initiative arbeitet mit führenden Arzneimittelherstellern zusammen, damit künftig mehr Menschen kostengünstiger in den Genuss lebensrettender Produkte kommen, ohne dass die Hersteller dabei auf Gewinn verzichten müssen. Außerdem tun wir alles, um unsere Kostenstruktur so niedrig wie möglich zu halten. Viele Anregungen, die wir von der Wirtschaft übernommen haben, haben sich in der Praxis hervorragend bewährt.

Focus: Was kann Ihre Stiftung von der Wirtschaft, vor allem von ihren Führungskräften und -strukturen lernen?

Clinton: Die Unternehmenswelt hat den NGOs vieles voraus. Viele NGOs haben überaus talentierte und engagierte Ärzte, Wissenschaftler und Techniker als Gründer und Mitarbeiter. Sie alle handeln in bester Absicht, aber leider fehlen ihnen die notwendigen Kenntnisse und Erfahrungen, um geeignete Parameter festzulegen und effiziente Systeme zur Durchsetzung ihrer Ziele aufzubauen. Dank professioneller Strategien und in Zusammenarbeit mit führenden Unternehmen ist es meiner Stiftung gelungen, ein nachhaltiges System für die Kostensenkung einer lebensrettenden AIDS-Behandlung zu entwickeln, von dem bereits 500 000 Menschen weltweit profitiert haben. Wir sind dabei, diese nachhaltigen Systeme auch auf andere Projekte auszudehnen, von Düngemitteln über Mikrokredite bis hin zu energieeffizienten Produkten. Weil diese Systeme selbsttragend sind, haben sie das Potenzial, immer weiter zu arbeiten und immer mehr Menschen zu helfen.

Focus: Wie kann ein größeres Verantwortungsgefühl in Unternehmen und Organisationen geweckt werden?

Clinton: Wir können niemanden dazu zwingen, so zu handeln, wie wir es für richtig halten. Ich glaube aber, dass die meisten Menschen Gutes tun wollen und bereit sind, ihren Beitrag dazu zu leisten, die Probleme zu lösen, mit denen wir heute konfrontiert sind. Eine gesündere, besser ausgebildete, wohlhabendere Welt ist ja schließlich auch gut für das Geschäft. Viele Menschen wissen gar nicht, wieviele Möglichkeiten es da draußen in der Welt gibt, die nur darauf warten, zum Wohle aller genutzt zu werden. Das ist einer der Gründe, warum die Clinton Global Initiative etwas ganz Besonderes ist. Wir gewinnen für unsere Sache führende Unternehmerpersönlichkeiten, die sonst nicht auf die Idee kämen, mit einer NGO zu kooperieren. Wir zeigen ihnen, wie sie etwas bewirken können in so unterschiedlichen Bereichen wie der globalen Armutsbekämpfung, der Lösung religiöser und ethnischer Konflikte, AIDS und anderen Gesellschaftsproblemen. Viele Unternehmens- und Meinungsführer sind weitreichende Verpflichtungen eingegangen, Gutes zu tun, allein deshalb, weil wir sie auf den richtigen Weg gebracht haben und ihnen ein Forum zur Verfügung gestellt haben, in dem sie auf andere Non-Profit-Organisationen und NGOs treffen, die von ihren Ressourcen profitieren können.

ZUR PERSON Bill Clinton

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Noch während seiner High-School-Zeit begegnete der 1946 in Hope, Arkansas, geborene William Jefferson Clinton im Rosengarten des Weißen Hauses Präsident John F. Kennedy. Diese Begegnung war ausschlaggebend für Clintons Entscheidung, in die Politik zu gehen. 1973 beendete er sein Jurastudium an der Yale University und betrat kurz danach erstmals die politische Bühne. Clinton gewann 1978 die Gouverneurswahl in Arkansas, verlor sie 1980, wurde 1982 wiedergewählt und bekleidete dieses Amt dann zehn Jahre lang. Mit seiner Wahl zum amerikanischen Präsidenten 1992 und der Wiederwahl 1996 war Clinton der erste demokratische Präsident nach Roosevelt, dem eine zweite Amtszeit gewährt wurde. Nach deren Ende rief er die Clinton Foundation ins Leben. Die Stiftung hat es sich zum Ziel gesetzt, die Menschen in den USA und weltweit darin zu unterstützen, die mit der globalen Interdependenz verbundenen Herausforderungen zu meistern.

FOTO: GEORG LANGE/CORBIS OUTLINE