Egon Zehnder
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Die Krise erfasst nicht nur Unternehmen der Wirtschaft, sie stellt auch Institutionen in Frage, deren Existenz seit Jahrhunderten sicher schien. Museen und Kunstsammlungen, die bewahren, was unsere Geschichte und Identität ausmacht, kämpfen unter Sparzwängen und Personalnöten um ihr Überleben. In dieser Lage muss ein Museumsdirektor nicht so sehr Überlebenskünstler als vielmehr Krisenmanager und Stratege sein. Als Mitorganisator der Expo 2000 in Hannover hat Martin Roth gelernt, mit drohenden Katastrophen zu leben, und in Dresden rettete er die Gemäldesammlung des Zwingers vor dem steigenden Hochwasser der Elbe. Mit dem Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden haben wir darüber gesprochen, wie Museen auch in Zukunft ihre Rolle spielen können.

MARTIN ROTH hat einen Grund zum Feiern. Der Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden leitet den mit zwölf Häusern nach Berlin zweitgrößten Museumsverbund in Deutschland. Die Gemäldegalerie Alter Meister im Zwinger, das Grüne Gewölbe, das Albertinum und etliche andere Häuser ziehen jedes Jahr fast zwei Millionen Besucher an – viermal so viel, wie Dresden Einwohner hat. Ein Erfolg, der sich kaum noch steigern lassen dürfte.

Gerade in diesen Wochen und Monaten häufen sich für Roth die freudigen Anlässe. Die Kunstsammlungen feiern ihr 450-jähriges Bestehen – ein ganzes Jahr lang, das gespickt ist mit Ereignissen, Eröffnungen, Einweihungen. Gerade hat Roth nach 70-jähriger Schließung die Türckische Cammer wiedereröffnet, eine der ältesten und weltweit bedeutendsten Sammlungen osmanischer Kunst außerhalb der Türkei. Schon das osmanische Staatszelt – 20 Meter lang, acht Meter breit, sechs Meter hoch und für 3,6 Millionen Euro restauriert – stellt sicher, dass das Interesse des Publikums nicht nachlässt.

Doch es ist nicht alles Sonnenschein an der Elbe. Das Jubiläumsjahr fällt in eine Zeit drastischer Haushaltskürzungen. Die Finanz- und Wirtschaftskrise zwingt dem Freistaat einen harten Sparkurs auf, und die Sparzwänge machen auch vor den kulturellen Leuchttürmen nicht halt. So ist Roth in der paradoxen Lage, in die eigenen Feierstunden den Missklang von Klagen über knappe Mittel zu bringen. „Wir haben quantitativ nicht mehr das Personal, das wir brauchen“, sagt Roth in seinem Büro im Residenzschloss. „Unsere Basis, das absolute Wissen, geht verloren, weil die Leute nicht mehr da sind, die es weitergeben können.“ Beinahe zwei Jahrzehnte hat es gedauert, die orientalischen Preziosen zu restaurieren, die jetzt in der Türckischen Cammer wieder der Öffentlichkeit zugänglich sind. Aber selbst die Restauratoren bleiben von Mittelkürzungen und Personalabbau nicht verschont. „Das Grüne Gewölbe hatte bis vor kurzem noch vier Restauratoren“, sagt Roth. „Jetzt hat es nur noch einen. Wenn man diese Bestände, die ja immerhin fünf-, sechshundert Jahre alt sind, nicht adäquat pflegen kann, werden unsere Enkelkinder nichts mehr davon haben.“ Damit ist das gefährdet, was den ursprünglichen Zweck der Sammlungen ausmacht: das Bewahren, das Erhalten, der Widerstand gegen Verfall und Zerstörung.

Doch für Roth nimmt die Kultur in Deutschland und Europa eine zentrale Stellung ein: „Wir werden zusammengehalten von kulturellen Phänomenen, von einem kulturellen Fundament – egal ob man jetzt die Kultur der Religion nimmt oder die Kunst im klassischen Sinne oder das freie Denken oder die Philosophie. Das ist unsere Stärke. Das alles einfach aufzugeben, dafür habe ich kein Verständnis.“ Um seinen Punkt klarzumachen, spitzt er die Sache noch einmal zu: „Gerade jetzt, in der Krise, müsste man antizyklisch in Kultur investieren, um dem Land eine Zukunft zu geben.“

In den Ohren eines Finanzministers mag so eine Forderung keck klingen. Doch Martin Roth hat gezeigt, dass er mit seinen Ideen erfolgreich etwas bewegen kann. Der schwäbische Kulturwissenschaftler kam 1991 nach Dresden, um die Leitung des Hygiene-Museums zu übernehmen. Doch anstatt, wie viele erwartet hatten, die Sammlung abzuwickeln, brachte Roth neuen Schwung in das Haus. Seine Ausstellungen über die Pille, das Mundwasser oder den Neuen Menschen zogen zahlreiche Besucher an. Heute denkt niemand mehr daran, das Hygiene-Museum zu schließen.

Die gegenwärtige Krise ist nicht die erste, der Martin Roth sich als Generaldirektor der Staatlichen Sammlungen gegenübersieht. Beim verheerenden Hochwasser im Elbetal 2002 lief der Zwinger voll. In einer spektakulären Aktion rettete Roth mit seiner Mannschaft binnen weniger Stunden tausende von Kunstwerken vor den Fluten. Ein besonders großes Gemälde wurde gesichert, indem es unter die Decke gehängt wurde – so konnte es vom steigenden Wasser nicht erfasst werden. Vier Tage und fünf Nächte waren Roth und seine Leute im Einsatz. „Wir haben keine einzige falsche Entscheidung getroffen“, sagt er im Rückblick – nicht ohne eine gewisse Verwunderung. Die Erfahrung des Elbhochwassers hat seine Standfestigkeit in Krisen gewiss gestärkt. Deren Wurzeln reichen aber noch weiter zurück, bis zur Expo 2000 in Hannover, wo Roth ab 1996 als Leiter den Themenpark vorbereitete. „Wir hatten da phasenweise jeden Tag eine anderes Problem – von persönlichen Zusammenbrüchen bis hin zu politischen Katastrophen, vom Mobbing bis zum vorsätzlichen Schadenwollen. Und einmal waren zwei Hallen und die Brücke dazwischen katastrophal überfüllt, und ich war mittendrin. Aus so einer Situation wieder herauszukommen, ohne dass etwas passiert – das ist eine Erfahrung, die man ein Leben lang nicht vergisst“, sagt Roth. „Da habe ich gelernt, cool zu reagieren.“

Mit dieser Kühle bereitet sich Roth nun auf den schlechtesten Fall vor, der seine Museen ereilen könnte: partielle Schließungen. „Ich stelle mich darauf ein, dass wir uns einen Platz suchen zum Überwintern, und wahrscheinlich werden wir manche Bereiche in der Tat auf Null reduzieren müssen.“ Für die Dresdner Sammlungen wäre es übrigens nicht das erste Mal. Schon einmal wurden Bereiche der Sammlungen geschlossen, evakuiert und ganz wegschafft – im „Dritten Reich“ und danach. „Das ist sozusagen der absolute Horror.“

Verständlich, dass Roth es dazu nicht kommen lassen will. Aber was will er dagegen tun? Er skizziert drei Felder, auf denen sich etwas bewegen muss.

Zum einen muss das Museum attraktiver werden. Das heißt nicht einfach, noch mehr Besucher anzuziehen oder im Ausland noch bekannter zu werden. Es heißt vor allem, relevante Themen aufzugreifen. „Die Kultur muss sich den gesellschaftlichen Fragen viel mehr öffnen als bisher“, sagt Roth. „Themen wie die klassische Sozialarbeit sollten durchaus mehr in die Kultur mit einbezogen werden. Wenn Sie sehen, unter welchen Bedingungen ausländische Mitbürger in Berlin-Wedding leben – dann ist das Einzige, was überhaupt helfen kann, die Kultur.“

Kulturelle Korridore schaffen

Das ist der Grund, warum er die Türckische Cammer mit ihren orientalischen Kunstwerken so prominent in die Öffentlichkeit gebracht hat: „Wir wollten einen kulturellen Korridor für diesen in der Tat schwierigen Bereich“, erklärt Roth. Offenbar mit Erfolg. „Wenn ich sehe, wer sich alles für die Türckische Cammer interessiert – das ist ein ganz anderes Publikum!“ Mit seiner Liebe zu zugespitzten Formulierungen sagt er: „Ich glaube, wir sollten uns mehr mit Sozialarbeitern verbinden, wenn es darum geht, hier noch öffentlichkeitswirksamer vorzugehen.“

Einmal in Fahrt, erkennt er bereits in der Gemäldegalerie Alte Meister einen Spiegel der multikulturellen Gesellschaft, die er ansprechen und gewinnen will: Unter den alten Meistern hängt kein sächsisches Bild – die Zusammensetzung der Sammlung ist zutiefst europäisch, ein Ausdruck europäischen Denkens. Das bedeutet keineswegs Selbstaufgabe – auch nicht in der Begegnung mit dem Islam. Wieder kommt Roth auf die Türckische Cammer zurück, in der Sachsens Herrscher über mehrere Jahrhunderte vor allem diplomatische Geschenke, gezielte Ankäufe und einige wenige Beutestücke aus Schlachten gegen die Osmanen zusammentrugen und mit der sie eine Sammlung exotischer Kunststücke aufbauten, die in Deutschland ihresgleichen sucht. „Man sieht eindeutig, welches große Interesse am Osmanischen Reich hier damals politisch und wirtschaftlich herrschte. Deshalb hat man sich geöffnet, aber die eigene Identität nicht preisgegeben. Ich glaube, da liegt auch ein Zukunftskonzept für uns alle.“

Grenzüberschreitendes Denken

Roths zweite Überlegung fürs Überleben gilt den Kultureinrichtungen selbst. Sie müssten lernen, nicht nur auf die Obrigkeit zu schauen und zu sagen: Du regelst das jetzt für mich. In Deutschland ist das ein schwieriger Prozess. „Entweder wir setzen uns gemeinsam hin und finden einen neuen Weg oder wir lassen es. Dieses Zusammengehen von Kulturinstitutionen, um neue Wege zu finden, ist dringend wichtig.“

Hierbei könnten Wirtschaftsunternehmen ein Vorbild sein. Nicht so sehr in ihrem Gewinnstreben – obwohl Roth noch vor wenigen Jahren sein Museum am liebsten als Stiftung geführt hätte; inzwischen hat sich seine Haltung geändert und er fühlt sich in der Nähe des Staates wohler. Nicht also die betriebswirtschaftliche Seite von Unternehmen findet er inspirierend, sondern ihre Fähigkeit zum Denken und Handeln über Grenzen hinweg. „Ich würde mir etwas wünschen, wie es die Unternehmen uns vorgemacht haben – sich inhaltlich und organisatorisch zusammenfassen jenseits von politischen und Ländergrenzen.“

Die Vielfalt moderner Gesellschaften spiegelt sich im Museum nicht nur in den Provenienzen der Exponate, sondern auch in der Zusammenarbeit von Institutionen über nationale Grenzen hinweg. „Wir haben viel zusammen mit dem Prado in Madrid gemacht“, sagt Roth. „Das fängt mit einem Aufsichtsrat an, geht über Restaurierungsmaßnahmen weiter zum gemeinsamen Zugriff auf unsere Bestände, führt zu gemeinsamer Lobbyarbeit in Richtung Politik und Wirtschaft. Wir sind komischerweise in Europa mehr denn je regional und national orientiert, und das ist nicht besonders klug.“

Das gilt freilich nicht für jedes Museum, sondern für Häuser vergleichbarer Größe und Ausrichtung – und eines bestimmten Gewichts. Nicht nur Roths Haltung zu wirtschaftlicher Eigenverantwortung hat sich mit den Jahren geändert. Auch der Sinn für eine kulturelle Wertehierarchie war bei ihm in jüngeren Jahren weniger stark ausgeprägt. Was er heute sagt, wäre ihm früher als reaktionär erschienen: „Wir müssen uns vor dem Hintergrund der extrem schwierigen Finanzlage heute tatsächlich die Frage stellen, was wir unseren Enkelkindern hinterlassen wollen. Den Tizian, an dem sich schon 15 Generationen erfreut und daraus gelernt haben, oder andere, neue und jüngere Projekte? Klar, die Frage ist rein rhetorisch, aber an einem bestimmten Punkt stellt sich diese Frage durchaus.“

Roths dritter Gedanke zum Überleben des Museums ist allgemeinerer Art: Die Bedeutung der Kultur muss im allgemeinen Bewusstsein verankert werden. „Es geht nicht mehr darum, dass die Kultur sich selbst hilft. Sondern um den Rahmen, in dem sie stattfinden soll. Politik und Wirtschaft und alle, die davon betroffen sind, müssen sich auf Ziele einigen, und diese Ziele müssen wir dann auch gemeinsam verfolgen“, sagt Roth. Nicht ohne hinzuzufügen, dass er keine gemeinsamen Ziele, keine verbindlichen Zukunftsentwürfe mehr erkennen könne.

Leben aus der Vergangenheit

Aber womöglich könnte hier das Museum Geburts- und Formulierungshilfe leisten. „Zukunft seit 1560“ lautet das Motto, unter das Roth die Jubiläumsausstellung der Staatlichen Kunstsammlungen gestellt hat. Soll heißen: Der Zukunftsgedanke war schon immer treibende Kraft der Entwicklung der Sammlungen. „Damit müssen wir in die Zukunft gehen. Wenn wir nur unsere Vergangenheit verwalteten, würden wir an der Welt vorbeileben.“ Das ist Roths Sache nicht. Unermüdlich entwickelt er neue Initiativen – lässt Jugendliche aus aller Welt über die Zukunft der Kulturinstitutionen debattieren, geht mit dem Angebot der Kunstsammlungen ins Internet und die sozialen Medien, baut energisch das Angebot zeitgenössischer Kunst aus. Der Titel der Ausstellung von Werken des kanadischen Künstlers Jeff Wall, die gegenwärtig in der Kunsthalle zu sehen ist, könnte auch über seiner Arbeit stehen: „Transit“.

„Womit wir uns beschäftigen müssen, vor allem in der Erholungsphase nach der Krise, ist das Thema Werte.“

Dabei treffen Roths Initiativen in Dresden durchaus nicht immer auf Zustimmung. Das gläserne Dach, das er über den Innenhof des Residenzschlosses setzen ließ, fand ein sehr geteiltes Echo: US-Präsident Barack Obama gefiel es so gut, dass er unter ihm die Pressekonferenz bei seinem Dresden-Besuch abhielt. Doch einige Dresdner würden Roth dafür am liebsten in die Elbe werfen. „Hier ist ein mentaler Horror Vacui entstanden“, erklärt der Bauherr: „Viele, die die Stadt wiederaufgebaut haben, sind jetzt zwischen 70 und 90 – die wollen jeden Stein wieder dort haben, wo er bis 1945 war. Da muss man sagen: Freunde, die Welt geht weiter.“

Mit Mitte 50 ist Martin Roth jung genug, um sich von Widerständen nicht vom Weg abbringen zu lassen und seine Vorstellung vom Museum durchzusetzen. Es ist die Vorstellung eines Museums, das immer ein Spiegel der Gesellschaft ist. „Das Museum ist keine Institution, die losgelöst vom Wirtschafts- und vom gesellschaftlichen System existiert. Wir sind immer nur so gut wie das System um uns herum. Wir sind quasi immer offen für neue Bedingungen.“ Darum hat die Krise für ihn auch nicht das letzte Wort. Martin Roth hegt bereits Pläne für die Zeit danach: „Womit wir uns beschäftigen müssen, vor allem in der Erholungsphase nach der Krise, ist das Thema Werte. Ganz ruhig, unabhängig von den gesellschaftlichen Aufgeregtheiten, müssen wir zeigen, dass es so etwas gibt wie Entwicklungslinien, die in der Vergangenheit erfolgreich waren und deshalb wahrscheinlich auch in Zukunft wieder erfolgreich sein können.“

Martin Roth

Martin Roth wurde 1955 in Stuttgart geboren, studierte in Tübingen Empirische Kulturwissenschaften, Ethnologie und Soziologie. 1991 wurde er Direktor des Dresdner Hygiene-Museums, das er mit vielbeachteten Ausstellungen in die öffentliche Wahrnehmung zurückholte. Ab 1996 leitete Roth den Themenpark der Expo 2000 in Hannover und war von 1995 bis 2003 Präsident des Deutschen Museumsbunds und Präsident der Sächsischen Kulturstiftung. Seit 2001 ist Roth Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, des nach Berlin zweitgrößten deutschen Museumsverbunds.

FOTOS: JENS PASSOTH

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