Egon Zehnder
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Eine französische Opernregisseurin, eine dänische Firmenchefin, eine saudische Fernsehmoderatorin und eine aus Libyen stammende amerikanische Wissenschaftlerin – dieser illustre Kreis ließe sich noch um viele andere Persönlichkeiten erweitern. Denn Juliette Deschamps, Marianne Dahl Steensen, Muna AbuSulayman und Sema Sgaier sind nur vier der inzwischen über 70 „Rising Talents“, die das gleichnamige Netzwerk seit seiner Gründung vor fünf Jahren im Rahmen des „Women’s Forum for the Economy and Society“ bilden. Längst gilt das Forum in Deauville als weibliches Pendant zum männerdominierten Weltwirtschaftsforum in Davos. Was diese Frauen gemein haben? Vor allem die Fähigkeit, die Welt weit über ihr Tätigkeitsfeld hinaus zu verändern.

DIE KRITERIEN für eine Einladung zum jährlich stattfindenden Women’s Forum sind anspruchsvoll: Die Frauen müssen bereits herausragende Leistungen in ihrem jeweiligen Feld erbracht haben, dürfen allerdings nicht älter als 40 Jahre alt sein. Neben dem Potenzial, in naher Zukunft noch Größeres zu leisten und sich für Schlüsselpositionen in Wirtschaft und Gesellschaft zu eignen, kommt es aber auch auf eine wichtige Charaktereigenschaft an: den Mut zu besitzen, einen Status quo auch einmal infrage zu stellen.

Die Lebensläufe dieser jungen Frauen lassen oftmals nicht erahnen, welche enormen Hindernisse sie schon überwunden haben. Die viel diskutierte Glasdecke, jene unsichtbare Barriere, die Frauen immer noch am Karriereaufstieg an die Führungsspitze hindert, existiert in vielen Ländern. Im Juli dieses Jahres erst veröffentlichte Anne-Marie Slaughter, Hillary Clintons leitende Beraterin, im Monatsmagazin „Atlantic“ einen Essay mit dem Titel „Why Women Still Can’t Have It All“. Darin beschreibt sie eindringlich, wie schwierig, wenn nicht gar unmöglich es immer noch ist, als Frau und Mutter eine leitende Position in einer Firma, einer wissenschaftlichen oder künstlerischen Disziplin oder gar an der Spitze einer Nation einzunehmen. Der Text löste weltweit Diskussionen aus.

Die Frauen des Rising-Talents-Programms treten alle an, den Gegenbeweis zu erbringen. Sie sind alle schon gegen viele Widerstände an die Spitze gelangt, aber sie nutzen dabei auch die Synergieeffekte, die aus dem Wissens- und Erfahrungsaustausch eines ebenso internationalen wie interdisziplinären Netzwerks entstehen können.

Juliette Deschamps

Oper, davon ist die Regisseurin Juliette Deschamps überzeugt, ist ein Herzstück unserer Kultur. Weil die Oper einst ein Massenmedium war, besitzt sie auch heute noch die Kraft, ein Massenpublikum in ihren Bann zu ziehen. Aufgewachsen ist Deschamps im Paris der achtziger Jahre. Ihre Eltern arbeiteten beide als Regisseure für Theater und Fernsehen. Ihr Großonkel war Frankreichs wohl berühmtester Filmkomiker und -regisseur: Jacques Tati. Schon als Kind wollte Deschamps der Familientradition folgen und Regie führen. Mehr noch als Film und Theater faszinierte sie jedoch die Oper. Damit hatte sie sich in die wohl höchste Form des Schauspiels vernarrt. Operninszenierungen sind unermesslich teuer. Zudem gab es in Frankreich keine geregelte Ausbildung für das Fach Bühnenregie. Juliette Deschamps entschied sich für einen Umweg. Sie begann, als Schauspielerin zu arbeiten, machte einen Abschluss in Klassischer Musik und studierte Deutsch und Italienisch, um die Libretti der großen Opern zu verstehen. Bald spielte sie in Filmen – um zu verstehen, wie Regisseure arbeiten.

Als junge Regieassistentin traf Deschamps die italienische Operndiva Anna Caterina Antonacci. Sie überredete die Sopranistin, in ihrer ersten Inszenierung von Claudio Monteverdis „Era La Notte“ aufzutreten. Zur Premiere lud sie Dominique Meyer ein, der damals das Théâtre des Champs-Elysées leitete. Meyer war begeistert und kaufte die Inszenierung. Mit der Bühnensaison 2006 begann Deschamps’ Karriere als Opernregisseurin.

Seit diesem Debüt hat sie Opern in Paris, Venedig, Wien, Amsterdam und Taipei inszeniert, im kommenden Jahr debütiert sie am Lincoln Center in New York, sie hat Konzerte für die Bühne aufbereitet, Regie bei Videoclips geführt und gemeinsam mit John Lennons Sohn Sean einen Kurzfilm gedreht. Doch die Oper ist nach wie vor ihre erste Leidenschaft, und wenn sie davon spricht, vibriert sie vor Enthusiasmus: „Wir können ein Massenpublikum erreichen, wenn wir die Klischees dieser Kunstform entkräften. Früher waren Opernhäuser die Epizentren der Städte. Alle Schichten und Stände gingen in die Oper. Sie erzählte universalgültige Geschichten.“ Juliette Deschamps ist fest entschlossen, eine neue, bisher noch nicht affine Generation für die Oper zu gewinnen, denn: „An der Oper selbst kann es nicht liegen. Nur an der Art, wie wir sie kommunizieren.“

Marianne Dahl Steensen

Es gibt kaum einen Markt, der so hart umkämpft ist wie die Telekommunikation in den skandinavischen Ländern. Marianne Dahl Steensen erinnert sich noch gut an die Zeit, als die Telefonkommunikation in ihrer dänischen Heimat einem staatlichen Monopol unterlag – wie in den meisten Ländern, die heute zur Speerspitze der digitalen Revolution gehören. Steensen war eine der Managerinnen des Neubeginns in dieser Branche. Sie verstand sich perfekt darauf, die verkrusteten Denkmuster einer Industrie aufzubrechen, die ihre Wurzeln im Anachronismus der Staatsbetriebe hatte und sich nun mit der rasantesten technischen Entwicklung seit der Industrialisierung konfrontiert sah.

Die technologische Entwicklung allerdings war jedoch schon bald nicht mehr das Thema Nr. 1. Es ging nicht mehr darum, Anschlüsse zu verkaufen. Es ging darum, Kunden durch Serviceleistungen möglichst ein Leben lang an eine Marke zu binden.

Die bisher wichtigste Erfolgsbestätigung bekam Steensen im vergangenen Jahr. Sie wurde von einer Firma abgeworben, mit deren Geschäftsbereich sie bis dahin nichts zu tun hatte. Der multinationale Versicherungskonzern RSA engagierte sie als Vorsitzende der Geschäftsführung für das Privatkundengeschäft in Dänemark. Nun ist sie erneut gefordert, Denkmuster aufzubrechen.

Eine Brandschutzversicherung sei eine Brandschutzversicherung, daran ändere sich nichts, erklärt Steensen. Wie man jedoch seine Kunden zu Verbündeten macht, wie man sie dazu bringt, sich so zu verhalten, dass Schadensfälle erst gar nicht auftreten, mag zwar nicht zum traditionellen Geschäft einer Versicherung gehören. „Doch genau an diesem Punkt lässt sich eine Win-win-Situation für eine Versicherung erzielen“, sagt Steensen. „Überzeugt man seine Kunden davon, einen Rauchmelder zu installieren, schützt man sie vor größeren Schäden oder gar dem Erstickungstod und sich selbst vor Verlusten.“

Ihre Methode, Denkmuster aufzubrechen, wendet die 38-Jährige inzwischen auch bei ihren Förderprogrammen für junge Frauen an. Früh schon hat sie sich als Mentorin engagiert. Sie selbst ist sich als Mutter von Zwillingen nur allzu bewusst, welche Anforderungen die Doppelrolle als Mutter und Berufstätige mit sich bringt. In Dänemark sei das nicht viel anders als in anderen Ländern. Sicherlich: „Wir haben hier ein fantastisches soziales Netz, Kinderbetreuung, eine progressive Familienpolitik.“ Und doch, sagt sie, seien die Barrieren für Frauen auch in Skandinavien noch sehr hoch. „Kein Mann fragt sich, ob er gleichzeitig eine Karriere und eine Familie haben kann. Frauen tun das fast immer. Das muss nicht sein. Es ist wirklich nur eine Frage der Träume. Wenn man einen Traum träumen kann, lässt er sich auch verwirklichen.“ Entscheidend sei die Partnerwahl. Mit dem richtigen Partner, so Steensen, könne man sich ein Familienleben sehr pragmatisch teilen. „Arbeitsteilung in der Ehe und die Kombination aus Kinderbetreuung und Au-pairs schaffen genug Freiraum, um sich auf einen Beruf zu konzentrieren. Bei Männern klappt das ja auch seit vielen Jahrhunderten.“

Muna AbuSulayman

Es gibt nur wenige Länder, deren weibliche Bevölkerung weltweit so eindeutig als Opfer einer frauenfeindlichen Mentalität angesehen wird, wie dies in Saudi-Arabien der Fall ist. Muna AbuSulayman wusste, was für eine Bürde sie auf sich laden würde, als sie als erste saudische Frau eine herausgehobene Position in einem internationalen Fernsehsender übernahm. Im Alter von 29 Jahren wurde sie 2002 eine von vier Moderatorinnen der Talkshow „Kalam Nawaem“ des panarabischen Satellitensenders MBC. „In weiten Teilen der Welt herrscht ein stereotypes Bild von den saudischen Frauen“, sagt sie. „Entscheidend ist aber nicht, ob wir beispielsweise Auto fahren dürfen oder nicht. Entscheidend ist doch vielmehr, dass ein Großteil der saudischen Frauen hervorragend ausgebildet ist und immer erfolgreicher wird.“ Sie wusste, wenn sie die Klischees widerlegen würde, könnte sie viel mehr erreichen als nur hohe Einschaltquoten – sie würde zum Vorbild für Tausende, wenn nicht Millionen arabischer Frauen werden, für die es kaum Vorbilder aus dem eigenen Kulturkreis gibt.

Ihre eigenen Vorbilder suchte AbuSulayman in der Literatur – und fand sie. „Meine Idole sind die taube und blinde Autorin Helen Keller und ihre Lehrerin Anne Sullivan Macy. Ohne Macy hätte Keller nie ihre Stimme gefunden. Und die Welt wäre um eine wichtige Autorin, Inspirationsquelle und ein Vorbild ärmer.“ Das Interesse für Literatur zieht sich wie ein roter Faden durch ihren vielseitigen Lebenslauf. Geboren in Philadelphia, aufgewachsen in den USA, in Malaysia und Saudi-Arabien, schloss sie ihr Literaturstudium an der George Mason University in Virginia mit einem Bachelor und einem Master of Arts ab.

Die Fernsehmoderatorin galt schon bald als Oprah Winfrey der arabischen Welt. 2004 wurde sie vom Weltwirtschaftsforum in Davos zum Young Global Leader ernannt. 2007 entschied sie sich, den Fernsehsender zu verlassen. Das Entwicklungshilfeprogramm der Vereinten Nationen berief sie als Botschafterin des guten Willens. Zudem arbeitete sie auch als Geschäftsführerin der in Saudi-Arabien beheimateten, global engagierten Alwaleed Bin Talal Foundation. In beiden Fällen engagiert sie sich für die Verständigung zwischen dem Islam und der westlichen Welt und ist zu diesem Thema als Rednerin an Universitäten weltweit gefragt.

Seit einem Jahr hat sie auch diese Tätigkeiten etwas eingeschränkt. Sie konzentriert sich nun auf Förderprogramme für junge Unternehmerinnen in Saudi-Arabien. Und sie hat eine Modefirma gegründet, mit der sie auch dieses Mal eigene Ziele jenseits des Glamours verfolgt.

„Junge Frauen können sich in der saudischen Gesellschaft nur etablieren, wenn sie sich wirtschaftlich unabhängig machen“, sagt Muna AbuSulayman. Doch nicht die konservative islamische Gesellschaft bedeutet das größte Hindernis, sondern die saudische Bürokratie. „Um ein Beispiel zu nennen: Arbeitsplätze für Frauen gibt es vor allem in Ämtern und Ministerien. Wer für die Regierung arbeitet, darf jedoch kein Unternehmen besitzen. Will man allerdings eines gründen, so dauern die Genehmigungen bis zu einem Jahr. Firmengründerinnen sind in dieser Zeit ohne Einkünfte.“

Als Unternehmerin weiß AbuSulayman das aus eigener Erfahrung. Dennoch ging sie ganz bewusst den Schritt in die Selbstständigkeit. Sie habe die Modefirma in erster Linie ins Leben gerufen, um Erfahrungen zu sammeln und diese an junge Frauen weitergeben zu können. Weil das aber nicht reicht, will sie nun auch die Gesetze, die Regelungen und bürokratischen Wege in ihrem Land ändern. Nur dann sieht sie eine Zukunft für junge Frauen wie ihre beiden Töchter, die bald ins Berufsleben treten werden.

Sema Sgaier

Betrachtet man die Fotografien, die Sema Sgaier mit Hochleistungskameras von Proteinen, Hirnzellen und Frühstadien menschlichen Lebens aufnimmt, merkt man schnell, dass sich hier der Forschergeist einer brillanten Wissenschaftlerin mit dem Gespür für Form und Schönheit einer großen Künstlerin trifft. Zwei Impulse, die eines gemein haben – die Neugier. Die faszinierenden Fotografien, die eingebunden sind in Sgaiers beeindruckendes wissenschaftliches Wirken, sind das Ergebnis eines sehr individuellen Lebenslaufes. Und der nahm vor vier Jahren eine ganz neue Wendung.

Sema Sgaier wuchs an der libyschen Mittelmeerküste auf. Als Kind hielt sie sich am liebsten im Wasser auf. Meeresbiologin wollte sie werden. Ihr Held war Jacques Cousteau, dessen Unterwasserfilme sie mit ihren Eltern im Fernsehen sah. Doch es kam anders. Sie zog mit ihrer Familie häufig um – nach Italien und Ägypten, in die Türkei und die USA. Und da sie in einer Zeit aufwuchs, in der die gentechnische Revolution weltweit die Schlagzeilen der Wissenschaftsnachrichten bestimmte, war sie bald schon in den Bann gezogen von diesem neuen Forschungsgebiet, das so viel über die Entwicklung und Eigenschaften insbesondere des Menschen zu sagen wusste.

Sie studierte Neurowissenschaften, Molekularbiologie und Genomik an der Brown University in New York sowie in Harvard. Bald machte sie Entdeckungen, die Aufsehen erregten. Mit der Methode des Fate Mappings erforschte sie das Kleinhirn und fand heraus, wie sich die Zentren für Sprache und Gedächtnis entwickeln. Und sie entdeckte das Gen, das für die Missbildung Mikrozephalie verantwortlich ist.

Zugleich nahm sie in New York die Chance wahr, ihrer lang gehegten Leidenschaft für (Dokumentar-)Fotografie nachzugehen. An der anerkannt besten Fotoschule der Welt, dem International Center of Photography, lernte sie, Geschichten in Bildern zu erzählen. Weltweit fotografierte sie Reportagen – freilich ohne dabei ihre intensive wissenschaftliche Forschungsarbeit zu vernachlässigen. Vor allem aber entwickelte sie eine Bildsprache, um ihr eigentliches Feld abzubilden. Mithilfe hochauflösender Zeiss-Kameras fotografiert sie Vorgänge in den Zellstrukturen von Tier und Mensch. Ihre Bildfolgen zu den Bewegungen von Gehirnzellen erinnern an Bilder aus dem All, die ferne Milchstraßen und Supernovae einfangen.

Vor vier Jahren schlug Sema Sgaier eine ganz neue Richtung ein. Sie war einst in die Forschung gegangen, um Leben zu retten. Doch inzwischen hatte sie erkennen müssen, dass es ein langer Weg ist von der wissenschaftlichen Erkenntnis bis zu ihrer Umsetzung, und so suchte sie eine größere Nähe zu den Betroffenen. Deshalb fasste sie den Entschluss, ihr wissenschaftliches Know-how unmittelbar vor Ort einzubringen, dort, wo die Probleme besonders groß sind. Seit 2008 arbeitet sie für die Stiftung von Bill und Melinda Gates. Sie gehört dort zu den Programmverantwortlichen, die in Indien ein Programm zur Bekämpfung von HIV/Aids leiten. In sechs indischen Bundesstaaten mit besonders hohen Ansteckungsraten betreut das Projekt mehr als 300 000 Menschen mit hohem Risiko. Und das mit Erfolg. Die HIV/Aids-Bekämpfung in Indien ist eine Erfolgsgeschichte. In weiten Teilen des Landes ist die Ansteckungsrate ebenso wie die Erkrankung auf dem Rückzug. Dies ist eine überzeugende Antwort auf die Fragen, die Sgaier mit ihrer Arbeit bisher gestellt hat. Vor allem jedoch ist es eine Antwort auf die Frage, wohin Neugier führen kann.

Talent allein, das zeigen die Biografien von Frauen in vielen Ländern dieser Welt, reicht oft nicht aus, damit diese ihr Potenzial ausschöpfen können. Veranstaltungen wie das Women’s Forum for the Economy and Society und Programme wie das der „Rising Talents“, das von Egon Zehnder und Eurazeo als Partner unterstützt wird, dienen als wichtige Katalysatoren.

Weitere Informationen finden Sie unter www.womens-forum.com

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