Egon Zehnder
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Bice Curiger ist die bekannteste Kunsthistorikerin der Schweiz. Schon 1980 mischte sie die Kunstwelt mit ihrer spektakulären Ausstellung »Saus und Braus« im Zürcher Strauhof auf. Die Schau stellte Bezüge zur aufkommenden Popkultur in der Vermischung von Kunst- und Musikszene her. Mit der Zeitschrift »Parkett« erfanden Curiger und ihre Mitstreiter 1984 eine neue Art von dialogischem Kunstjournalismus: »Parkett« berichtete nicht nur über Kunst, sondern wurde auch von Künstlern gestaltet. Von 1992 bis 2013 wirkte sie zudem als freie Kuratorin am Kunsthaus Zürich. 2011 leitete Curiger – als erste Frau – die Biennale in Venedig. Seit 2013 ist sie die künstlerische Direktorin der Fondation Vincent van Gogh in Arles. Konventionen sind für die 68erin eine Herausforderung, wenn das scheinbar Bekannte mit frischem Blick zu Neuem inspiriert.

Egon Zehnder: Frau Curiger, wie kann man Vincent van Gogh neu sehen lernen?

Bice Curiger: Ironischerweise habe ich mich nie besonders mit van Gogh beschäftigt. Und das ist auch typisch für die heutige Kunstszene. Natürlich ist er wichtig, ein herausragender Maler, aber eben nicht mehr im Gesichtsfeld. Das überlässt man lieber der breiten Masse.

Egon Zehnder: Was hat Sie dann an der Aufgabe in Arles gereizt?

Bice Curiger: Als man mir diesen Job anbot, hat mich das sofort elektrisiert. Von den Merchandising-Auswüchsen der Massenkultur wurde van Gogh ja fast massakriert. Ich fand es spannend zu fragen: Warum hat er heute noch in der Breite diese magische Wirkung – in Asien, bei uns? Wir haben dann Symposien veranstaltet wie »Van Gogh – pré-Pop«. Dabei habe ich ein großes unentdecktes Feld bei diesem scheinbar abgearbeiteten Maler entdeckt, über den kilometerlange Publikationsreihen herumstehen. Und das finde ich sehr reizvoll: den Blick auf van Gogh zu kehren.

Egon Zehnder: Wie schlagen Sie eine Brücke zur heutigen Kunstwelt?

Bice Curiger: Wir haben zum Beispiel diese riesigen Glasskulpturen von Roni Horn gezeigt. Dazu haben wir alle Fenster freigelegt, Oberlicht hereingelassen. Dann sah man: Das ist jetzt dieses südliche Licht, das van Gogh so gesucht und in seinen Briefen beschwärmt hat. Und man sieht diese Materie, dieses Glas, das aussieht wie Wasser oder Eis, unglaublich interessant. Glas ist ein alchemistisches Material, Sand und Feuer lassen es entstehen, und es sieht aus wie erstarrtes Wasser. Man sieht wie durch eine Linse dieses Materiell-Immaterielle des Lichts.

Egon Zehnder: Van Gogh war nicht lange in Arles, aber unglaublich kreativ in dieser Zeit. Wie war die Auseinandersetzung mit ihm bei den Künstlern, die Sie eingeladen haben?

Bice Curiger: Ja, er war nur 15 Monate hier. Roni Horn sagte: Als ich zur Highschool ging, hatte ich eine Postkarte von van Gogh an der Wand. Da dachte ich: Das ist interessant, das hätte ich jetzt nicht gedacht. Es gibt ganz viele Verbindungen, die aufscheinen können. Dass niemand gesagt hat: Um Gottes Willen, ich will nicht assoziiert werden mit diesem van Gogh, zeigt ja auch das Interesse, in diesem Spannungsfeld diskutiert zu werden.

Egon Zehnder: Arles ist nicht Paris oder London. Warum haben Sie die Provinz gewählt?

Bice Curiger: Ich finde die kulturelle Arbeit, die sich »off-center« abspielt, hier überaus spannend und inspirierend. Man spürt die Reaktionen und auch die Dankbarkeit des Publikums ganz direkt. Es herrscht eine positive Langsamkeit in der Auseinandersetzung, es ist das Gegenteil der schnellen kulturellen Verwertung in den Metropolen.


 

Europa hat viele Städte, viele Zentren und Subzentren. Das macht den Reichtum aus. Man sollte das erkennen und etwas daraus machen.

Die Stadt Arles in Frankreich, im Westen der Provence

Egon Zehnder: Was lässt sich daraus lernen?

Bice Curiger: Kunst muss sich in Beziehung setzen zu den Menschen. Kultur ist etwas Dynamisches, sich stets Wandelndes. Kultur ist nicht statisch. Die Politik hat die Diskussion über das Lokale, das Verwurzeltsein der Menschen den Rechten überlassen. Das war ein Riesenfehler.

Egon Zehnder: Was könnte – oder sollte – denn die Kunst hier für eine Rolle spielen?

Bice Curiger: Man darf an die Kunst nicht die Erwartung knüpfen, dass sie für Probleme dieser Art heilbringend ist. Es ist ja gerade ihre Kraft, dass sie widerständig ist und sich nicht benutzen lässt. Aber natürlich ist es auch an der Kunst, auf solche Themen zu reagieren.

Egon Zehnder: Wie beurteilen Sie den heutigen Kunstbetrieb?

Bice Curiger: Es gibt einen enormen Druck auf die jungen Galeristen. Und es gibt diese vielen Kunstmessen. Die Galeristen müssen wahnsinnige Risiken eingehen und in noch unbekannte Kunst investieren, die sich halt nicht sofort verkauft. Das ist wirklich ein finanzielles Vabanquespiel. Die Frieze Art Fair in London zum Beispiel ist toll, wenn man da reinkommt als junger Galerist. Aber dann müssen Sie eine Woche Hotel für sich und die Angestellten rechnen, die ganzen Transporte bezahlen – und Sie verkaufen vielleicht nichts. Kaum ist Hongkong fertig, fängt Miami an, danach geht es nach Paris und dann nach London und so weiter. Hinzu kommt der Druck auf die Künstler.

 


Man darf an die Kunst nicht die Erwartung knüpfen, dass sie heilbringend für Probleme dieser Art ist.

Egon Zehnder: Die Provinz hat ihre Vorteile.

Bice Curiger: Wenn ich diese Ausstellungen in Paris oder London präsentieren würde, wäre ich sofort Teil der Kulturmaschine. Dort wird verdaut, ausgespuckt – what’s next? Hier hat mein Publikum ein Gesicht und ist fassbar, wenn ich um sein Vertrauen werbe. Und ich habe auch das Glück, dass ich Projekte machen kann, die man vielleicht in staatlichen Museen nicht so einfach machen könnte, weil es hier eben eine private Stiftung ist.

Egon Zehnder: Sie haben auch auf der Biennale viele junge Künstler gehabt. Ist das auch ein Schwerpunkt Ihrer Arbeit, junge Kunst zu fördern?

Bice Curiger: Ja, aber auch alte Künstler, die man wiederentdecken kann, weil von ihnen neue Impulse ausgehen können. Nehmen sie Tintoretto bei der Biennale. Wenn man provozieren will, kommt man eigentlich nicht auf die Idee mit einem Künstler aus dem 16. Jahrhundert. Ich habe diesen sechs Meter langen Tintoretto aus der Kirche auf der anderen Seite der Lagune geholt, und die Venezianer waren so froh, weil sie dieses Bild nie sehen. Es hängt oben, und es ist ein dunkles Bild. Ich habe es aber auf Augenhöhe gezeigt. Wenn es Licht hat, spiegelt sich das Licht im Schwarz des Bildes. Die Besucher waren zum Teil richtig ergriffen, das Werk so zu sehen, auch im Kontext der Biennale. Das war ja auch eine Message: Guckt mal, diese Gegenwartskunstveranstaltung ist so hermetisch, das ist wie ein UFO, das landet, und es hat keine Beziehung zum Außen.

Egon Zehnder: Was gibt Ihnen immer wieder diesen Kick, die Dinge neu zu sehen?

Bice Curiger: Es ist viel aufregender, wenn man sich auf Risiken einlässt. Bei vielen Ausstellungen geht es mir so, dass ich zuerst eine Idee habe. Dann bin ich ganz begeistert, aber dann denke ich: Nein, das ist doch nichts, das geht nicht. Und dann kommt man darauf zurück, und plötzlich geht ein Türchen auf. Das finde ich viel spannender, als wenn ich als brave Schülerin gucke, was die anderen machen.

Egon Zehnder: Haben Sie schon immer so getickt?

Bice Curiger: Ja, schon als ich zum ersten Mal nach New York ging, 1974 war das. Was damals in den Galerien zu sehen war, war langweilig. Ich habe als Studentin für die Zeitung Kritiken verfasst und vorwiegend  über die Subkultur geschrieben. Patti Smith sah ich dort zum ersten Mal. Sie sang noch nicht, sondern rezitierte Gedichte. Und da bekam ich eine ganze Seite im »Tages-Anzeiger«, habe selber die Fotos in New York gemacht. Heute gibt es das nicht mehr, diese sehr konzentrierte Aufmerksamkeit.

 


 

Wir sind so versessen auf die Gegenwart, dass wir vergessen, dass man aus der Geschichte auch lernen kann für die Zukunft.

Egon Zehnder: Ist das eine Folge der Digitalisierung?

Bice Curiger: Vermutlich ja. Es gibt kaum noch Buchhandlungen, ein anderes Leseverhalten. Ich lese auch die Tageszeitung ganz anders, wenn ich sie online lese anstatt auf dem Papier. »Parkett« hatte – wie das Internet – auch etwas Demokratisches, den Anspruch, die Abonnenten per Post bis ins hinterste Dorf anzuschließen. Aber man sah: Da steht jemand hinter und übernimmt die ganze Verantwortung. Und im Internet ist einfach alles diffus. Das gibt es natürlich auch in jedem Dorf, aber man kann nichts mehr festmachen: Wo sitzt diese Stimme? Was verkörpert sie? Wir konnten bei »Parkett« auch nicht einfach etwas behaupten und uns dann hinter dem Bildschirm verstecken. Aber wenn man das thematisiert, heißt es sofort: Ach, du bist alt!

Egon Zehnder: Alt ist nicht gleichbedeutend mit langweilig.

Bice Curiger: Es gibt jetzt all diese Kuratorenschulen. Und da werden so viele Theorien gewälzt. Und viele kommen auch nicht mehr von der Kunstgeschichte her. Ich finde, dass man den Blick zurück und nach vorne richten muss. Wir sind so versessen auf die Gegenwart, dass wir vergessen, dass man aus der Geschichte auch lernen kann für die Zukunft. Wenn man nur immer guckt, was sind jetzt die neuesten Turnschuhe, steckt man doch eigentlich immer im gleichen Kreislauf fest.

Egon Zehnder: Sie wollen das Alte mit dem Neuen verknüpfen?

Bice Curiger: Ja, auf jedem Gebiet. Ironischerweise macht das ja die Mode selbst. Karl Lagerfeld hat ein Leben lang alte Modelle von früheren Couturiers studiert, um sich für die nächste Saison inspirieren zu lassen. Mode ist selbst sehr interessiert an der Geschichte.

Egon Zehnder: Wenn Sie einen Wunsch an die Kunstszene hätten, welcher wäre das?

Bice Curiger: Man sollte die Diskussion, was heute wirklich relevant und qualitätsvoll an der Kunst und wert ist, angeschaut zu werden, nicht einem Spezialistengrüppchen oder dem Markt überlassen. Davon abgesehen ist mein Vertrauen in die Kunst und die Künstler ungebrochen. Die Gegenwartskunst hat doch ein viel breiteres Publikum gewonnen, als es früher der Fall war. Und ich wünsche mir eine Auseinandersetzung mit Kunst in den großen Metropolen, in Rom, in Berlin. Europa hat viele Städte, viele Zentren und Subzentren. Das macht den Reichtum aus. Man sollte das erkennen und etwas daraus machen.

Egon Zehnder: Frau Curiger, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Kurzbiografie

Bice Curiger wurde 1948 in Zürich geboren, wo sie Kunstgeschichte studierte. 2012 wurde sie mit dem Kulturpreis des Kantons Zürich und dem Prix Meret Oppenheim ausgezeichnet. 2013 wurde sie Chevalier dans l’Ordre des Arts et des Lettres in Frankreich und übernahm die künstlerische Leitung der Fondation Vincent van Gogh in Arles. Die von ihr mitbegründete Zeitschrift »Parkett« wurde 2017 eingestellt.

Interview: Egon Zehnder ∙ Fotos: Michael Hudler

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