Egon Zehnder
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Selten stand für unseren Kontinent so viel auf dem Spiel wie heute. Globalisierung, Digitalisierung, Klimawandel, Populismus – kann die EU noch einmal, wie nach ihrer Gründung als Europäische Wirtschaftsgemeinschaft vor über 60 Jahren, neue Dynamik entfalten, um im Interesse ihrer Bürger und Unternehmen zum Motor für erfolgreichen Wandel zu werden? „Die Diskussion darüber, was Europa sein will und wie es sich in der Welt sieht, ist im Zeitalter der Globalisierung eine politische Überlebensfrage.” Dieses Zitat aus dem Jahr 1999 stammt vom damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog. Es könnte kaum aktueller sein.

Unsere Gesellschaft tut sich schwer bei der Beantwortung ihrer Zukunftsfragen. Wir sehen dies im Erstarken populistischer Bewegungen in vielen europäischen Staaten, aber auch – wie in einem Brennglas – in der Brexit-Debatte. Umso mehr kommt es darauf an, sich als Führungsperson mit Gestaltungsverantwortung, ob in einem Unternehmen, einer Organisation oder in der Politik, in den Diskurs einzubringen.

Angesichts der großen Herausforderungen, vor denen der Kontinent steht, verläuft die Debatte zwar lebhaft. Doch es kommt nicht nur darauf an, dass wir über Europa sprechen, sondern auch auf das Wie. In der öffentlichen Diskussion, nicht nur in den sozialen Medien, liegt der Fokus viel zu stark auf dem Trennenden, der Abgrenzung, dem Gegeneinander. Negative Meinungsmache hat Konjunktur und bestimmt leider allzu oft den Diskurs. Zudem wird jede Argumentation maximal verkürzt. Alles muss in 140 Twitterzeichen oder drei Bulletpoints passen. Für eine differenzierte Betrachtung fehlt in vielen Fällen der dafür notwendige Raum. 

Hinzu kommt eine Tendenz zur Nabelschau: Wir betrachten Europa zu häufig durch die negative Brille, auch weil wir eine problemorientierte Innensicht einnehmen. Von außen betrachtet, sieht es anders aus: Europa ist nach wie vor ein weltweit ausstrahlendes Erfolgsmodell von jahrzehntelanger Stabilität und Wohlstand. 

Um den Blick in der Debatte zu weiten und tragfähige Antworten zu finden, braucht es Führung und nicht Manipulation. Benötigt werden Persönlichkeiten, die ihre Ideen und Erfahrungen einbringen und helfen, eine positive Perspektive für Europa zu entwickeln und Brücken zu schlagen, statt Mauern zu bauen. Eine solche Persönlichkeit ist Navid Kermani, Schriftsteller und Grenzgänger zwischen Orient und Okzident. Mit dem Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels konnten wir vor wenigen Wochen zum Thema „Europa neu entdecken“, sprechen. Eine seiner zentralen Botschaften ist: „Europa ist kein Territorium, sondern eine Idee. Wir teilen die gleichen Werte. Aber das bedeutet nicht, dass wir alle gleich werden sollen.“ 

Die europäische Idee als geistige, politische und auch wirtschaftliche Ressource ist noch lange nicht aufgebraucht. Um sie auch für die Beantwortung unserer Zukunftsfragen zu heben, braucht es allerdings Führungspersönlichkeiten mit Haltung, Kreativität, Dialogbereitschaft und Mut zu neuen Ideen. Und Europa braucht Menschen, die auf unsere Wurzeln schauen und zugleich den Blick nach vorne richten. 

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