Egon Zehnder
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Wenn es um die großen Digitalisierungsthemen wie künstliche Intelligenz, Big Data und Cybersecurity geht, kommt man an ihm nicht vorbei: Dirk Helbing, Professor für Computational Social Science an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich, zählt zu den weltweit renommiertesten Forschern an der Schnittstelle von Computerwissenschaften, Mathematik, Physik und Sozialwissenschaften. Helbing setzt sich kritisch mit einer drohenden Fernsteuerung der Gesellschaft durch Algorithmen und künstliche Intelligenz auseinander und lädt zum Nachdenken über alternative Szenarien ein. Im Interview mit Egon Zehnder entwirft er sein Gegenmodell einer digitalen Demokratie – ein auf Partizipation basierendes Gemeinwesen, das Big Data und künstliche Intelligenz nutzt, um die Welt krisenfester, innovativer und pluralistischer zu machen. Kann das funktionieren? Wir haben nachgefragt. In der ersten Folge des Gesprächs erörtert Helbing die Chancen Europas im globalen Big-Data-Wettbewerb.

 

 

Egon Zehnder: Europa schaut auf das Silicon Valley wie das Kaninchen auf die Schlange. Man müsse den Digitalisierungs-Rückstand gegenüber den Vereinigten Staaten so schnell wie möglich aufholen, heißt es gebetsmühlenhaft. Wie schätzen Sie die Chancen Europas im globalen Big-Data-Wettbewerb ein?

Dirk Helbing: Es ist so gut wie hoffnungslos, diesen Weg zu beschreiten. In Europa wird gar nicht realisiert, vor allem in der Politik nicht, wie weit das Silicon Valley uns voraus ist, nämlich grob gerechnet 15 Jahre. In der digitalen Welt ist das eine Ewigkeit.

Es ist ein Irrglaube zu denken, man könne jetzt in Berlin auf einen Knopf drücken, ein paar Milliarden Euro investieren und innerhalb von zehn Jahren beispielsweise die weltweite Führerschaft auf dem Feld der künstlichen Intelligenz erringen. Selbst wenn wir die gleiche exponentielle Beschleunigungskurve realisieren könnten wie die Amerikaner – was ich bezweifle –, würde sich der Abstand weiter vergrößern. Das ist nun mal das Schicksal der Nachzügler bei exponentiellem Wachstum. Wir hätten zwar das Gefühl, dass wir vorankommen, würden in Wirklichkeit aber immer weiter zurückfallen.

Egon Zehnder: Und der chinesische Weg?

Dirk Helbing: Der kann uns noch weniger als Vorbild dienen. China hat im Wesentlichen die Technologie aus dem Silicon Valley übernommen und setzt sie nun auf Kosten der Bevölkerung ein. Der Citizen Score beispielsweise, ein Punktekonto für jeden Bürger, dessen Stand darüber entscheidet, auf welche Produkte, Dienstleistungen, Jobs und Kreditkonditionen man Anspruch hat und welche Rechte man erhält, ist ein System staatlicher digitaler Kontrolle, das wir ganz bestimmt nicht wollen.

Wir müssen jetzt in die zweite Phase der digitalen Revolution einsteigen.

Egon Zehnder: Wie sieht Ihre Vision aus?

Dirk Helbing: Europa kann nur durch eine digitale Neuerfindung von Demokratie und Kapitalismus aufschließen und an die Weltspitze gelangen. Was wir benötigen, ist eine Art digitale Graswurzelrevolution als Gegenentwurf zu den monopolähnlichen Internetgroßkonzernen wie Google und Facebook. Ein solches digitales Update der Demokratie ermöglicht kombinatorische Innovation, also eine Explosion kreativer und ökonomischer Möglichkeiten. Aus der Wissenschaft wissen wir doch längst, dass datengetriebene Top-down-Strategien nur selten zu wirklicher Innovation führen. Wer wann und wo welche Innovation hervorbringt, lässt sich nicht voraussagen oder steuern. Es kann jederzeit und überall passieren. In vielen Fällen führen Zufälle, vermeintliche Fehler oder Missverständnisse letzten Endes zu neuen Lösungen.

Wir müssen jetzt in die zweite Phase der digitalen Revolution einsteigen. Die erste Phase, das war Big Data, künstliche Intelligenz und Top-down-Optimierung. Dadurch wurden zentrale Informations-, Kontroll- und Steuerungsmechanismen geschaffen. Die großen Internetkonzerne verhießen uns, eine bessere und nachhaltigere Welt zu gestalten. Aber die technokratischen Visionen von automatisierten Smart Cities und Smart Nations haben kein Paradies auf Erden geschaffen. Herausgekommen sind etliche Annehmlichkeiten, aber auch Datenmissbrauch und der Plattform-Kapitalismus mit vielfach problematischen Arbeitsbedingungen.

Egon Zehnder: Und die zweite Phase der digitalen Revolution, wie sieht die aus?

Dirk Helbing: Die wird partizipativ sein, bottom-up, digital-demokratisch, geprägt durch Ko-Kreation, Ko-Evolution, kollektive Intelligenz und Selbstorganisation. Wir müssen das Wissen und die Ideen von möglichst vielen Menschen zusammenführen, denn in komplexen Systemen findet man die besten Lösungen durch Kombination vieler Einzellösungen. Digitale Technologien können uns dabei helfen, all dies auf den Weg zu bringen. Wir müssen Big Data und künstliche Intelligenz in den Dienst eines auf Partizipation basierenden Gemeinwesens stellen.

Egon Zehnder: Hört sich schön an – aber wie soll das gehen? Wer hat in einer solchen digitalen Demokratie die Hoheit über die persönlichen Daten?

Dirk Helbing: Informationelle Selbstbestimmung ist zwingend notwendig. Wenn wir nicht die Kontrolle über unsere Daten haben, werden Unternehmen, Institutionen und Regierungen weiter versuchen, uns zu manipulieren. Jeder von uns muss sozusagen das Passwort für seinen Datentresor haben und souverän entscheiden können, wer seine Daten wie lange, für welchen Zweck und vielleicht auch zu welchem Preis nutzen darf. Sämtliche personalisierten Services und Produkte, die wir heute kennen und schätzen, wären weiterhin möglich – allerdings mit dem Unterschied, dass der Kunde der Nutzung seiner Daten ausdrücklich zustimmen muss.

Egon Zehnder: Wie könnte künstliche Intelligenz dabei helfen, die Kontrolle über die eigenen Daten wiederzuerlangen?

Dirk Helbing: Vorstellbar ist, dass ein jeder von uns einen auf künstlicher Intelligenz basierenden persönlichen digitalen Assistenten hat, der im Laufe der Zeit lernt, welche Unternehmen oder Institutionen so vertrauenswürdig sind, dass man ihnen seine Daten zur Nutzung überlassen kann. Die Unternehmen müssten das Vertrauen der Kunden also zunächst einmal gewinnen. Stellt sich etwa heraus, dass eine Firma persönliche Daten in großem Maßstab missbräuchlich genutzt hat, würden die Kunden in Scharen den Zugang sperren – und diesem Unternehmen wäre die Geschäftsgrundlage entzogen. Anders als heute stünden die Unternehmen also nicht in einem Wettbewerb um den Missbrauch von Daten, sondern in einem Vertrauenswettbewerb. Es entstünde eine Art digitale Vertrauensgesellschaft.

Egon Zehnder: Hört sich gut an, aber ist das nicht utopisch?

Dirk Helbing: Aus heutiger Sicht mögen derartige Gedanken vielleicht utopisch anmuten. Aber die Alternative ist, dass Europa im digitalen Wettbewerb untergeht oder marginalisiert wird. Bevor es so weit kommt, sollten wir uns einen Ruck geben, ins kalte Wasser springen und ans andere Ufer der neuen digitalen Welt schwimmen.

Was kann künstliche Intelligenz zur Lösung sozialer, demografischer und ökologischer Herausforderungen beitragen?

Kurzbiografie

Dirk Helbing, geb. 1965, ist seit 2007 Professor für Computational Social Science am Departement für Geistes-, Sozial- und Politikwissenschaften der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich. Helbing forscht an der Schnittstelle zwischen Sozialwissenschaften, Mathematik und Physik. 2015 verfasste er mit acht weiteren Wissenschaftlern, darunter der Ökonom Bruno S. Frey sowie der Big-Data-Experte Roberto V. Zicari, das viel beachtete »Digital Manifest«, eine eindringliche Warnung vor der drohenden Automatisierung der Gesellschaft durch Algorithmen und künstliche Intelligenz.

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