Egon Zehnder
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Wenn es um die großen Digitalisierungsthemen wie künstliche Intelligenz, Big Data und Cybersecurity geht, kommt man an ihm nicht vorbei: Dirk Helbing, Professor für Computational Social Science an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich, zählt zu den weltweit renommiertesten Forschern an der Schnittstelle von Computerwissenschaften, Mathematik, Physik und Sozialwissenschaften. Helbing setzt sich kritisch mit einer drohenden Fernsteuerung der Gesellschaft durch Algorithmen und künstliche Intelligenz auseinander und lädt zum Nachdenken über alternative Szenarien ein. Im Interview mit Egon Zehnder entwirft er sein Gegenmodell einer digitalen Demokratie – ein auf Partizipation basierendes Gemeinwesen, das Big Data und künstliche Intelligenz nutzt, um die Welt krisenfester, innovativer und pluralistischer zu machen. Kann das funktionieren? Wir haben nachgefragt. Die zweite Folge des Gesprächs widmet Helbing den Potenzialen der künstlichen Intelligenz zur Lösung sozialer, demografischer und ökologischer Herausforderungen.

 

Egon Zehnder: In Ihrem Entwurf einer digitalen Demokratie sind Innovation und Kreativität die wesentlichen Treiber. Aber welche Rolle könnte künstliche Intelligenz spielen? Ist sie der Gegenpart zur menschlichen Kreativität?

Dirk Helbing: Nein, nicht der Gegenpart. Meiner Meinung nach müssen wir die künstliche Intelligenz, die Superintelligenz, mit der menschlichen Kreativität zusammenführen. Es wird viele Situationen geben, in denen es sinnvoll ist, auf Autopilot umzuschalten. Dann übernimmt die künstliche Intelligenz den Steuerknüppel. Andererseits werden wir immer wieder auch vor Entscheidungspunkten mit wichtigen Handlungsalternativen stehen, und da sollten wir die menschliche Entscheidungskompetenz nicht aus der Hand geben.

Egon Zehnder: Nach welcher Maßgabe soll denn der Autopilot programmiert werden? Welchen Kurs soll er einschlagen?

Dirk Helbing: Ich würde die Superintelligenz so programmieren, dass sie Menschen mit Geld, Ressourcen und Daten versorgt, die ihre Kreativität, ihr Wissen und ihre Talente dafür nutzen, positive Dinge auf den Weg zu bringen, sich zu engagieren, anderen zu helfen und kooperativ zu sein. So würde die Superintelligenz prosoziales und ökologisches Verhalten unterstützen und die Menschen ermuntern, sich umeinander zu kümmern und für die Gesellschaft zu engagieren. Eine solche Welt der Solidarität und Unterstützung wäre in der Tat ein Gegenmodell – zum Citizen Score in China beispielsweise, der ja im Grunde genommen der Vorstellung des unbarmherzig strafenden Gottes aus dem Alten Testament nachempfunden ist.

Egon Zehnder: Aber wer hat die Hoheit, darüber zu bestimmen, was das Gute und Förderungswürdige ist? Welches sind die »positiven Dinge«, und wer definiert sie?

Dirk Helbing: Das wird sich nicht durch eherne Regeln definieren lassen. Und es wird auch keine zentrale Instanz geben, die sozusagen die Rolle des Tugendwächters übernimmt. Dies würde jegliche Innovation und Kreativität doch wieder im Keim ersticken. Innovation bricht die Regeln, sie verlässt den Bereich des scheinbar klar Definierten und stellt ein bestehendes System in Frage. Es gibt also Situationen, in denen man Regeln brechen muss, um das Richtige zu tun. Wenn Sie ein innovatives, kreatives, sich evolutionär entwickelndes System haben wollen und nicht einen Friedhof, auf dem es jeden Tag gleich aussieht, dann können Sie das nicht regelbasiert machen, nach dem Motto: Dies hier gehört in die Kategorie des Guten und das dort in den Giftschrank mit den schlechten Dingen.

Egon Zehnder: Aber wie verhindert man Chaos? Wer führt diese Systeme?

Dirk Helbing: Meine Vorstellung zur Steuerung des Systems basiert auf der Annahme, dass wir mit dem Internet der Dinge die Auswirkung unseres Handelns auf die Umwelt und auf andere Menschen in Zukunft sehr verlässlich quantifizieren werden können. Wir werden also ziemlich genau wissen, was die Umwelt zerstört und was anderen Menschen schadet. Ein Großteil des heutigen Regelungswusts an Gesetzen und Verordnungen wird dann obsolet, schlichtweg irrelevant. Das Internet der Dinge wird Schaden und Nutzen von Handlungen messen und die bisherigen gesetzlichen Regelungen zu einem guten Teil ersetzen. Im Grunde genommen brauchen wir dann nur noch eine Regel: den durch unsere Handlungen entstehenden Schaden zu minimieren. Für geringfügige Regelverletzungen könnte man einen Preis bezahlen. Aber alles, was anderen Menschen und der Umwelt nicht schadet, wird erlaubt sein – beispielsweise bei Rot die Straße überqueren, wenn kein Auto kommt. Allerdings dürfte es in Zukunft ohnehin keine Ampeln mehr geben, weil die Fahrzeuge die Fußgänger rechtzeitig erkennen.

»Meiner Meinung nach müssen wir die künstliche Intelligenz, die Superintelligenz, mit der menschlichen Kreativität zusammenführen.«

Dirk Helbing

Egon Zehnder: Was man in Ihrer Vision ein wenig vermisst, sind Dimensionen jenseits von Zahlen und Datenanalysen.

Dirk Helbing: Da stimme ich Ihnen zu. Ich sehe durchaus die Gefahr, dass Kategorien, die nicht quantifizierbar sind, durchs Raster des Systems fallen. Denken Sie nur an Dinge wie Bewusstsein, Liebe oder Menschenwürde. Die sind für unser Zusammenleben ungemein wichtig. Deshalb müssen wir, auch und gerade in der digitalen Gesellschaft, Freiräume für diese Dinge bereithalten und einsehen, dass nicht alles automatisiert werden kann. Die Digitalisierung soll den Menschen dienen und nicht umgekehrt.

Egon Zehnder: Wäre das ein Entwurf für das 22. Jahrhundert?

Dirk Helbing: So lange dürfen wir auf keinen Fall warten. Es geht jetzt darum, ein alternatives System für die Zukunft so schnell wie möglich aufzubauen. Es muss fertig sein, bevor das jetzige System zusammenbricht, und das kann ziemlich schnell gehen. Wir sehen doch heute schon, wie sich das politische System zunehmend destabilisiert. Wir müssen also kräftig aufs Gaspedal treten.

Die Bedeutung von Führung und die Rolle der jungen Generation bei der Metamorphose von der alten in die neue Welt.

Kurzbiografie

Dirk Helbing, geb. 1965, ist seit 2007 Professor für Computational Social Science am Departement für Geistes-, Sozial- und Politikwissenschaften der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich. Helbing forscht an der Schnittstelle zwischen Sozialwissenschaften, Mathematik und Physik. 2015 verfasste er mit acht weiteren Wissenschaftlern, darunter der Ökonom Bruno S. Frey sowie der Big-Data-Experte Roberto V. Zicari, das viel beachtete »Digital Manifest«, eine eindringliche Warnung vor der drohenden Automatisierung der Gesellschaft durch Algorithmen und künstliche Intelligenz.

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