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„Über den Flow in digitalen Zeiten“

Der Molekularpsychologe Christian Montag über eine Unternehmenskultur in Zeiten allgegenwärtiger digitaler Kommunikation
  • 5 Dezember 2019

Lesen Sie alle drei Folgen:

Folge 1 – „Über den Flow in digitalen Zeiten“

Folge 2 – „Die Fähigkeit zur Empathie wird an Bedeutung gewinnen.“

Folge 3 – „Wir brauchen digitalfreie Räume.“

Wenn das Smartphone zum ständigen Begleiter am Arbeitsplatz wird, leiden Konzentration, Produktivität und Kreativität. Der Ulmer Molekularpsychologe Christian Montag erforscht genau diese Auswirkungen der digitalen Kommunikation auf kognitive und emotionale Fähigkeiten. Sein Buch „Homo Digitalis“ hat weit über die Fachwelt hinaus große Resonanz erzeugt. Im Interview mit Egon Zehnder denkt der Wissenschaftler darüber nach, wie man gerade in Unternehmen mit der Allgegenwärtigkeit der digitalen Technologien umgehen kann. In der ersten Folge des Gesprächs diskutiert Montag Parallelen der Smartphone-Abhängigkeit zu bekannten Suchtphänomenen und erläutert die Folgen für Aufmerksamkeit und Leistungsfähigkeit.

Egon Zehnder: Der Regisseur Quentin Tarantino wurde kürzlich bei einer Pressekonferenz gefragt, in welcher Zeit er denn am liebsten leben möchte. Seine Antwort: „Auf jeden Fall in einer Zeit vor der Erfindung des Smartphones.“ Stimmen Sie ihm zu?

Christian Montag: Seit dem 9. Januar 2007 ist vieles anders. An diesem Tag hat Steve Jobs in San Francisco die erste Generation des iPhone präsentiert. Nur gut zwölf Jahre später nutzen rund um den Globus über drei Milliarden Menschen ein Smartphone. Ich kenne kein Beispiel für ein Gerät, das sich ähnlich schnell durchgesetzt und das Kommunikationsverhalten derart grundlegend verändert hat …

Egon Zehnder: … und entscheidend zur Metamorphose des Homo Sapiens in den „Homo Digitalis“ beiträgt.

Christian Montag: Ja, man muss allerdings aufpassen, dass die Debatte nicht in eine falsche Richtung abbiegt. Die Geräte haben sich ja nicht zuletzt durchgesetzt, weil sie in vielen Lebensbereichen einen Mehrwert bringen. Wenn wir sie sinnvoll einsetzen, erleichtern sie unseren Alltag und machen uns produktiver. Es geht nicht darum, die Geräte zu verteufeln. Welcher Reisende möchte denn heutzutage noch auf Google Maps verzichten, stattdessen umständlich mit Landkarten rumhantieren und jede Reise vorher bis ins letzte Detail planen?

Egon Zehnder: Die Geräte sind also nicht gut oder schlecht an sich?

Christian Montag: Es kommt auf die Nutzung an, auf den Kontext, in dem sie eingesetzt werden. Aber es gibt einen Punkt, an dem die Dauerbeschallung durch die Geräte dazu führt, dass der positive Effekt in die Gegenrichtung umschlägt. Es ist eine umgekehrte U-Funktion: Der Nutzen steigt bis zum Scheitelpunkt, dann fällt er ab. Das übermäßig genutzte Smartphone fragmentiert unseren Alltag und unterbricht uns ständig – wir können uns nicht mehr konzentrieren. Die vielleicht noch spannendere Frage ist allerdings, ob die Digitalisierung unser Wesen, unsere Emotionalität und unsere kognitiven Funktionen verändert und ob sie Spuren im Gehirn hinterlässt.

Egon Zehnder: Bevor wir zu dieser Frage kommen: Ist eigentlich anerkannt, dass wir es – vor allem mit Blick auf das Smartphone – mit einem Suchtphänomen zu tun haben?

Christian Montag: Es gibt teilweise Ähnlichkeiten in Bereichen mit der Sucht nach toxischen Substanzen, beispielsweise nach Alkohol oder Drogen, die sich nicht wegdiskutieren lassen. Aus diagnostischer Sicht ist dieses Thema allerdings nicht unproblematisch. Aber immerhin hat die Weltgesundheitsorganisation in diesem Jahr die Computerspiele-Abhängigkeit – also eine spezielle Form der Onlinesucht – als offizielle Erkrankung anerkannt. Sie vermeidet allerdings den Begriff „Sucht“ und spricht von einer „Störung“.

Egon Zehnder: Welches sind denn die Folgen einer übermäßigen Smartphone- und Internetnutzung für die Wahrnehmung? Die kognitiven Auswirkungen sind ja gerade für Unternehmen relevant.

Christian Montag: Es gibt einen Grundsatz, der trifft in vereinfachter Form auf das Gehirn genauso zu wie auf jeden Muskel: Use it or loose it. Wenn wir mit unserem Gehirn eine bestimmte Fähigkeit trainieren, dann verbessert sich diese Fähigkeit mit zunehmender Übung – aber eben auch umgekehrt. Bei der Digitalisierung deutet vieles darauf hin, dass sie derartige Spuren im Gehirn und der Psyche hinterlässt, dass sie also auch in manchen Bereichen zu Problemen führt.

Egon Zehnder: Könnten Sie das an einem Beispiel erläutern?

Christian Montag: In einer Studie wurden Studenten in drei Gruppen aufgeteilt. Die Teilnehmer aus der ersten Gruppe mussten ihr Smartphone vor der Tür abgeben, die aus der zweiten Gruppe durften es – im Rucksack oder in der Jackentasche – mit in den Testraum nehmen, die Studenten aus der dritten Gruppe konnten es offen und eingeschaltet neben ihrer Tastatur auf den Tisch legen. Dann mussten alle je eine Intelligenzaufgabe und eine Arbeitsgedächtnisaufgabe lösen. Die Gruppe mit dem Gerät auf dem Tisch hatte im Schnitt die schlechtesten Ergebnisse. Am besten waren die Testpersonen, die das Gerät draußen abgegeben hatten. Allein schon die Tatsache, dass das Gerät betriebsbereit auf dem Tisch liegt, lässt die Konzentration leiden und führt offenbar zum Brain-Drain. Das Smartphone – und mit ihm die Möglichkeit, dass womöglich eine Nachricht eingeht – zieht Aufmerksamkeit ab.

Egon Zehnder: Das Gehirn verliert also die Fähigkeit, sich komplett auf eine Sache einzulassen.

Christian Montag: Genau. Wir nennen dieses unabgelenkte Abtauchen in eine Sache, also ein Buch zu lesen, Klavier zu spielen oder ein Gespräch zu führen, einen Flow. Gemeint ist ein tiefer Zustand der Konzentration, in dem man Raum und Zeit verliert. Wenn ich beim Schreiben im Flow bin, vielleicht für drei oder vier Stunden, dann sind anschließend 20 Seiten Papier beschrieben. Es ist ein Zustand hoher Produktivität – und deswegen auch für den Alltag in Unternehmen enorm wichtig. Die App-Architektur auf den Smartphones ist ein Flow-Killer. Ständig werden wir durch E-Mails oder WhatsApp-Nachrichten unterbrochen. Das Gehirn kann gar nicht anders, als auf diese immer neu eintrudelnden Reize zu reagieren. Und wieder ist man draußen.

Egon Zehnder: Lässt sich das mit Zahlen untermauern?

Christian Montag: In noch unveröffentlichten Untersuchungen habe ich Studierende beobachtet, wie oft sie pro Tag auf ihren Smartphone-Bildschirm schauen. Ergebnis: Im Durchschnitt ca. hundert Mal. Wenn man eine vereinfachte Rechnung anstellt, ist die längste Arbeitszeit zwischen den Unterbrechungen zehn Minuten lang. Und in  zehn Minuten schaffen Sie so gut wie nichts.

Egon Zehnder: Wenn wir das Wort „Studenten“ durch „Mitarbeiter“ ersetzen, dann wird klar, was das für Unternehmen bedeutet.

Christian Montag: Gerade in den Unternehmen brauchen wir wieder mehr von diesen Phasen, in denen wir vertieft an Dingen arbeiten können, ohne unterbrochen zu werden. Eine hohe Nutzung des Smartphones und Deep Learning gehen nun mal nicht zusammen. Wenn wir Dinge wirklich verstehen wollen, müssen wir die Geräte wegstecken. Wir müssen sie ausschalten, damit wir uns auf eine Sache einlassen können.

Egon Zehnder: Ist auch denkbar, dass unser Gehirn sich binnen weniger Generationen so weiterentwickelt, dass wir einen Flow entwickeln, obwohl wir ständig unterbrochen werden?

Christian Montag: Nein, ich halte es für ausgeschlossen, dass wir in hundert Jahren hunderttausende Jahre der Evolution überspringen. Das dürfte nur möglich sein, wenn wir die Genschere ansetzen und das menschliche Genom entsprechend modifizieren. Aber das hat dann nichts mit natürlicher Vererbungslehre zu tun. Dann reden wir von einer durch den Menschen vollzogenen Veränderung am Erbgut. Die Überlegungen von Elon Musk, der darüber nachdenkt, das menschliche Gehirn durch implantierte Chips mit Computern zu verbinden, gehen durchaus in diese Richtung.

„Die Fähigkeit zur Empathie wird an Bedeutung gewinnen.“

Vita

Christian Montag (42) leitet an der Universität Ulm die Abteilung für Molekulare Psychologie und forscht außerdem an der University of Electronic Science and Technology of China im chinesischen Chengdu. Er befasst sich mit den biologischen, also etwa den molekulargenetischen oder hormonellen Grundlagen menschlichen Verhaltens. Außer zur Persönlichkeitspsychologie forscht er zu den kognitiven und emotionalen Folgen der Computer-, Internet- und Smartphonenutzung. Große Popularität erlangte sein 2018 veröffentlichtes Buch „Homo Digitalis“, das sich mit den Auswirkungen der Mediennutzung auf das Gehirn beschäftigt.

Im zweiten Teil des Interviews diskutiert Christian Montag über Führung im digitalen Zeitalter.

Interview und Fotos: Egon Zehnder

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