Egon Zehnder
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„Wir brauchen digitalfreie Räume.“

Der Molekularpsychologe Christian Montag über eine Unternehmenskultur in Zeiten allgegenwärtiger digitaler Kommunikation
  • 5 Dezember 2019

Lesen Sie alle drei Folgen:

Folge 1 – „Über den Flow in digitalen Zeiten“

Folge 2 – „Die Fähigkeit zur Empathie wird an Bedeutung gewinnen.“

Folge 3 – „Wir brauchen digitalfreie Räume.“

Wenn das Smartphone zum ständigen Begleiter am Arbeitsplatz wird, leiden Konzentration, Produktivität und Kreativität. Der Ulmer Molekularpsychologe Christian Montag erforscht genau diese Auswirkungen der digitalen Kommunikation auf kognitive und emotionale Fähigkeiten. Sein Buch „Homo Digitalis“ hat weit über die Fachwelt hinaus große Resonanz erzeugt. Im Interview mit Egon Zehnder denkt der Wissenschaftler darüber nach, wie man gerade in Unternehmen mit der Allgegenwärtigkeit der digitalen Technologien umgehen kann. In der dritten und letzten Folge des Gesprächs plädiert Montag für eine Unternehmenskultur der digitalfreien Räume und Zeiten.

Egon Zehnder: Welche Bedingungen kann man in einem Unternehmen schaffen, um produktives Arbeiten – trotz pausenloser Handynutzung – überhaupt zu ermöglichen?

Christian Montag: Es gibt ein paar Dinge, die sich relativ leicht umsetzen lassen. Es geht darum, die Struktur des Arbeitsalltags, die durch die ständige Verfügbarkeit von Internet und Smartphone verloren gegangen ist, wieder herzustellen. Allein schon ein strukturiertes Checken der E-Mails, etwa nur zweimal am Tag, führt dazu, dass Stress reduziert wird. In den sechs Stunden dazwischen hat der Mitarbeiter Zeit, ohne Unterbrechung zu arbeiten und wirklich tief in seine Arbeit einzutauchen.

Egon Zehnder: Viele kommen ja morgens unausgeschlafen zur Arbeit, weil sie bis spät in die Nacht aufs Handy geschaut haben.

Christian Montag: Das ist im Silicon Valley gerade ein großes Thema. Das Smartphone im Schlafzimmer ist ein absoluter Schlafkiller. Die Therapie ist simpel: Fürs Schlafzimmer braucht man kein Smartphone, da reicht auch ein Wecker. Oder man legt das Smartphone wenigstens in den Flur, damit man gar nicht in Versuchung gerät, im Bett in den Flow des Gerätes zu geraten.

Egon Zehnder: Was könnte man im Unternehmen noch tun, um wieder Voraussetzungen für kreatives und innovatives Arbeiten zu schaffen?

Christian Montag: Ich glaube, dass digitalfreie Rückzugsräume wichtig sind. Das muss nicht unbedingt heißen, dass dort gar keine digitalen Devices verfügbar sind. Ein Tablet, auf dem man die Tageszeitung lesen kann, darf da ruhig liegen (andere Funktionen sollten auf dem Tablet aber deaktiviert sein). Es geht darum, dass diese Räume als Ruheraum deklariert sind. Wenn ich da reingehe, werde ich nicht von Social Media & Co. abgelenkt – und habe Zeit, ein Problem zu lösen, eine Sache wirklich tief zu verarbeiten oder auch kreativ zu werden. Aus der Forschung wissen wir, dass gerade das vermeintliche Nichtstun, also die Zeit, in der wir den Gedanken freien Lauf lassen, Kreativität erzeugt. Etliche Tech-Unternehmen haben bereits solche Rückzugsräume geschaffen.

Egon Zehnder: Sind eigentlich die Geräte an sich das Hauptproblem, ihre Allgegenwärtigkeit, oder ist es die geschickt designte Architektur der Apps?

Christian Montag: Es ist ganz wichtig, dass wir über Systemdesign sprechen. Mit der App-Architektur ist es wie in einem Supermarkt. Auch der ist ein bis ins Detail durchdachtes System. Nichts steht per Zufall irgendwo im Regal, sondern alles ist optimiert, damit wir möglichst viele Produkte kaufen. Alle Eltern kennen die Quengelzone mit Süßigkeiten direkt vor der Kasse. Über das Systemdesign wird also menschliches Verhalten gesteuert.

Genauso ist es in der digitalen Welt. Das vielleicht beste Beispiel ist der blaue Doppelhaken bei WhatsApp. Jeder Nutzer begreift sofort, dass eine mit Doppelhaken versehene Nachricht vom Empfänger gelesen wurde. Dieses System erzeugt sozialen Druck: Ich weiß, dass der andere meine Nachricht gelesen hat – und frage mich schon nach einer Minute, warum er nicht antwortet. Der Doppelhaken führt dazu, dass mehr und schneller über die Plattform kommuniziert wird.

Egon Zehnder: Halten Sie es denn für denkbar, die Quengelzone in der digitalen Welt so zu designen, dass unser Verhalten wenigstens in die richtige Richtung gesteuert wird, also zu mehr Produktivität und Kreativität?

Christian Montag: Es wäre wichtig zu überlegen, wie wir Systeme designen können, die zu unserem menschlichen Wesen passen, die uns möglichst wenig stressen, die eine gute Arbeitsumwelt erzeugen, in der Mitarbeiter sich entwickeln und kreativ sein können. Darum muss es gehen.

Egon Zehnder: Wie sieht Ihr persönlicher Rückzugsraum aus?

Christian Montag: Bei mir ist es das Laufen am Rhein oder an der Donau. Ich habe kein Smartphone dabei, keine Musik, nichts. Ich bin eine Stunde allein mit mir. Ich strenge mich auch nicht an, an irgendetwas zu denken, das passiert von selbst. Mein Gehirn entlädt sich, und ich fange auf einmal an zu denken. Das Problem ist, dass wir solche Rückzugsräume, in denen wir über den Alltag reflektieren, systematisch beseitigt haben. Wenn ein Paar im Restaurant beim Candle-Light-Dinner beisammen sitzt und einer von beiden zur Toilette geht, fällt der Blick des anderen garantiert sofort aufs Handy …

Egon Zehnder: … anstatt einen Moment über das nachzudenken, was der andere gerade gesagt hat …

Christian Montag: Genau. Fast jede Situation, die wir früher mit uns allein verbracht haben, in der wir über etwas nachdenken, über das, was war, was kommt und das, was uns ausmacht, haben wir durch den Griff zum Handy abgelöst. Das sind alles vertane Situationen. Das gilt für den Alltag genau wie für den Beruf.

Egon Zehnder: Gutes Stichwort. Wie sieht es denn in den Unternehmen aus mit diesen Rückzugsräumen? Das scheint doch nicht so sehr eine Frage der Organisation zu sein, nach dem Motto: Ich verschaffe meinen Mitarbeitern mal ein bisschen Zeit für Muße. Ist das nicht letztlich eine Kulturfrage – die auch und vor allem von der Führung vorgelebt werden muss?

Christian Montag: Ja, natürlich. Führungskräfte brauchen unbedingt wieder mehr Zeit, sich mit Dingen grundlegend zu beschäftigen, sie tief zu durchdringen. Heute müssen sie doch das Gefühl haben, ständig getrieben zu werden. Mach dies, mach das, mach jenes. Das ist ein Funktionieren, ein ständiges Reagieren, aber häufig kein Gestalten mehr. Hauptsache, man hält die Bälle irgendwie in der Luft. Da geht es dann um die Frage, mit welchem Automodell man die Nachfrage schnell noch mal ankurbeln kann – aber für die grundsätzliche Überlegung, ob man in 15 Jahren noch Autos verkauft oder Mobilitätsdienstleistungen, bleibt viel zu wenig Zeit.

Egon Zehnder: Muss man, um diese Veränderung in der Unternehmenskultur wirklich zu erzeugen, nicht auch Impulse aus anderen Branchen, vielleicht auch ganz anderen Sphären hinzuholen?

Christian Montag: Wenn es darum geht, Technologie und Humanität wieder zu vereinen, kann man das in der Tat nicht den Spezialisten überlassen. Ich selbst forsche mit Ökonomen, Informatikern, Medizinern und anderen zusammen. Es gibt nicht die eine Fachdisziplin, die diese großen Herausforderungen allein bewältigen kann. Wir brauchen Interdisziplinarität. Die kostet Kraft. Sie erzeugt Reibung an vielen Stellen. Das muss man aushalten, bis man irgendwann dorthin kommt, wo die Magie passiert. Und der Punkt kommt. Man muss nur dranbleiben.

Egon Zehnder: Herr Montag, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Vita

Christian Montag (42) leitet an der Universität Ulm die Abteilung für Molekulare Psychologie und forscht außerdem an der University of Electronic Science and Technology of China im chinesischen Chengdu. Er befasst sich mit den biologischen, also etwa den molekulargenetischen oder hormonellen Grundlagen menschlichen Verhaltens. Außer zur Persönlichkeitspsychologie forscht er zu den kognitiven und emotionalen Folgen der Computer-, Internet- und Smartphonenutzung. Große Popularität erlangte sein 2018 veröffentlichtes Buch „Homo Digitalis“, das sich mit den Auswirkungen der Mediennutzung auf das Gehirn beschäftigt.

Interview und Fotos: Egon Zehnder

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