Die Aufsichtsratsvorsitzenden deutscher Börsenunternehmen verfügen über tiefes Unternehmens- und Branchenwissen. Gleichzeitig zeigt die DAX-Chair-Analyse 2026 von Egon Zehnder, dass viele Chairs ähnliche Karrierewege, Qualifikationen und demografische Profile aufweisen. Deutschlands Aufsichtsratsvorsitzende bringen tiefe Branchen- und Unternehmenserfahrung mit – doch Homogenität, lange Amtszeiten und Nähe zum operativen Geschäft werfen Governance-Fragen auf und sind fern von neuen Perspektiven. Kontrolle braucht mehr als nur Erfahrung.
Die Vorsitzenden der DAX-Aufsichtsräte verfügen über viel Erfahrung, teilen jedoch häufig ähnliche biografische Merkmale: 91 Prozent sind Männer, 82 Prozent Deutsche und das Durchschnittsalter liegt bei 65 Jahren. Die DAX-Chair-Analyse 2026 von Egon Zehnder macht damit deutlich, dass die Gremien einerseits von hoher Kontinuität und Branchenkenntnis profitieren. Andererseits könnten mehr Vielfalt, internationale Perspektiven und breitere Board-Erfahrung die Zukunftsfähigkeit der Aufsichtsräte weiter stärken.
Die Executive-Search-Spezialist:innen von Egon Zehnder haben im August die Karrierepfade von 160 Chair-Mandaten in Unternehmen aus DAX40, MDAX und SDAX untersucht. Dabei ging es um die Frage, welche Erfahrungen heutige DAX-Chairs mitbringen und wie gut diese Erfahrungen auf eine Rolle als Aufsichtsratsvorsitzende vorbereiten.
Das Ergebnis: DAX-Chairs kennen ihre Unternehmen und die Branche oft in- und auswendig. 63 Prozent der untersuchten Aufsichtsratsvorsitzenden hatten schon vor Übernahme des Mandats eine Verbindung zum Unternehmen: Die meisten saßen als einfache Mitglieder im Aufsichtsrat, eine Minderheit hatte eine operative Führungsrolle inne. Die wenigsten kennen das Unternehmen, das sie heute überwachen, aus der Managementperspektive.
18 Prozent der Chairs hatten vor Übernahme des Vorsitzes bereits eine operative Rolle im selben Unternehmen inne. Bei 6 Prozent bestand zudem eine Verbindung über ein vorheriges Aufsichtsratsmandat. Gerade bei einem Wechsel aus dem Management in den Aufsichtsrat stellt sich die Frage nach ausreichender institutioneller Distanz: Von den Chairs, die zuvor in einer operativen Rolle im Unternehmen tätig waren, hielten nur 34 Prozent die sogenannte Cooling-off-Periode ein. 66 Prozent übernahmen das Aufsichtsratsmandat bereits vor Ablauf der empfohlenen zweijährigen Wartezeit. 55 Prozent der Chairs bringen relevante Branchenerfahrung mit. Das gilt vor allem für den SDAX. Kein Wunder: Eine Mehrheit hat die Branche im Laufe ihrer Karriere als Executive nicht ein einziges Mal gewechselt, 26 Prozent waren sogar immer in demselben Unternehmen tätig.
Diese Nähe zum operativen Geschäft kann ein enormer Vorteil sein. Denn sie bedeutet, dass viel Erfahrungswissen vorhanden ist, vor allem wenn man den Umstand in Betracht zieht, dass DAX-Chairs im Schnitt 65 Jahre alt sind. Mit Blick auf eine funktionierende Governance und Gewaltenteilung zwischen Vorstand und Aufsichtsrat birgt eine solche Nähe aber auch Risiken.
Es gibt noch ein Indiz, das auf Herausforderungen beim Thema Governance hindeutet: Aufsichtsratsvorsitzende, die vorher schon Mitglieder des Gremiums waren, sind durchschnittlich 11,9 Jahre im Amt. Das ist sehr nah an der vom Deutschen Corporate Governance Kodex empfohlenen Höchstgrenze von 12 Jahren, die die Unabhängigkeit des Boards sicherstellen soll.
Betriebswirt:innen stellen die deutliche Mehrheit der DAX-Chairs. 89 Prozent haben General-Management-Erfahrung, Fachfunktionen wie Vertrieb (29 Prozent), Finanzwesen (28 Prozent) oder Strategie (27 Prozent) kommen in den Lebensläufen seltener vor.
Immerhin 53 Prozent der Aufsichtsratsvorsitzenden im DAX waren vorher bereits als CEO tätig. Diese Managementerfahrung ist aber oft eine sehr nationale. 43 Prozent der Chairs haben ihre gesamte exekutive Karriere ausschließlich in Deutschland verbracht, am internationalsten sind erwartungsgemäß die Aufsichtsratsvorsitzenden im DAX40.
Die Diversität an der Spitze der DAX-Boards ist ohnehin ausbaufähig: Nur 9 Prozent der Chairs im DAX sind Frauen (im DAX40 immerhin 13 Prozent), 82 Prozent der Aufsichtsratsvorsitzenden sind Deutsche und 13 Prozent stammen aus Europa. Dabei haben die Nichtdeutschen tendenziell die runderen Profile, ergab die Analyse. Solche Chairs haben tendenziell mehr Branchen und Unternehmen gesehen als deutsche Chairs und sie haben häufiger einen MBA gemacht.
Die von Egon Zehnder durchgeführte Auswertung von 160 Lebensläufen von Aufsichtsratsvorsitzenden im DAX zeigt: Das demografische Profil der Chairs ist homogen. Es handelt sich in der Mehrzahl um männliche Führungspersönlichkeiten mit betriebswirtschaftlicher Ausbildung und begrenzter Auslandserfahrung, die sich in einer späten Phase ihrer Karriere befinden. Kurz: Sie kennen ihre Unternehmen und die Branche gut. Ihre Erfahrung kann Stabilität bedeuten. Doch eine zu geringe Diversität wird zum Problem, wenn sich Debatten im Gremium dadurch auf wenige gleichgerichtete Perspektiven verengen. Angesichts der Herausforderungen, vor denen die deutsche Wirtschaft steht, könnte das ein Risiko sein.
34 %
der Chairs, die aus der exekutiven Rolle im Unternehmen in den Aufsichtsrat desselben Unternehmens gewechselt sind, hielten die Cool-off Periode ein, 66 % nicht
11,9 Jahre
beträgt die durchschnittliche Amtsdauer, sofern sie schon vor dem Chair-Mandat Mitglied im Aufsichtsrat waren
53 %
aller Chairs waren zuvor schon einmal Standalone-CEO
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